Ein Scheißesturm mit göttlichen Grüßen

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Sie war nicht da.

Die Straßenverkäuferin, die ich vorherige Woche als Freund gewann, war nicht dort. Auch der weltreisende Künstler war nicht da. Während es für letzteren nicht ungewöhnlich war, wusste ich im Falle der anderen, dass irgendetwas vorgefallen sein musste. Der unsympathische Kerl, der täglich von früh bis spät Geld für seine Familie erwirtschaftet, hat sich auf dem Platz breit gemacht, der für meine Freundin bestimmt war. Mit mulmigem Gefühl näherte ich mich ihm und grüßte ihn. Er drehte sich herum und fragte mich ohne große Überraschung, wie es mir gehen würde. Ich antwortete knapp bevor er mir vorwurfsvoll erzählte, was sich zugetragen hatte, während ich mir in Mirtiotissa die Sonne auf den Wanst scheinen ließ.

Die Polizei sei gekommen und hätte die Straßenverkäuferin verscheucht. Damit hätte ihre Familie ihre einzige Einkommensquelle verloren, um über den Winter zu kommen. Doch auch der Künstler müsste 5000 Euro Strafe zahlen, da er ohne Zulassung arbeiten würde. Außerdem würde sein kleiner Welpe in die Kirche geschissen haben, und unsere Hunde würden gemeinsam die Touristen und Einwohner auf Trab halten, sie anbellen und Furcht und Schrecken verbreiten. Alles wäre die Schuld der Straßenverkäuferin, da sie nie versuchte, mich fortzuschicken. Nie sollte ein Tourist länger als zehn Minuten an einem Stand verbringen, das wäre das weltweite Gesetz der Straßenverkäufer. Es bringt nur Ärger. Außerdem wäre ich im Fernsehen gewesen. Zwei Tage wurde über den Platz und uns berichtet, das Augenmerk der Gesellschaft auf die Straßenverkäufer gerichtet, welche nur ihrem Job nachgehen und in Ruhe gelassen wollen werden.

Ich fühle mich nicht schuldig, und auch der Ärger ließ auf sich warten. Ich bin nur sehr verwirrt, und unendlich enttäuscht von den Machenschaften der Menschen und der Obrigkeit.

Auch ich solle verschwinden, bevor auch noch der letzte der drei Straßenverkäufer durch mich Ärger bekommt. Ich gehe, denn es war sinnlos nach präziseren Informationen zu fragen. In all der Not schien mein Gegenüber sich in der wütenden Herrlichkeit des Rechts zu baden, denn, so wiederholte er einige Male, hätte er es nicht von Anfang an gesagt?!

In der Hoffnung auf mehr Informationen und Hilfe platzierte ich mich nahe der großen Wiese, auf der ich mich ab und zu mit der Österreicherin getroffen hatte, damit unsere Hunde gemeinsam herumtollen konnten. Würde sie heute noch mit ihrem Hund herausgehen, würde ich sie definitiv treffen. Und mit ihr hätte ich auch die Möglichkeit, Kontakt zu meiner Freundin und ihrer Familie aufzunehmen. Doch ich wartete vergebens, und nach ein, zwei Stunden machte ich mich zum altbekannten Strand auf, um mein Lager aufzuschlagen.

Dann kam der Sturm, von dem ich in Mirtiotissa gehört hatte. Der Regen peitschte gegen das Zelt, doch meine Sorgen galten der Wellen. Im Dunkel am Fuße der Strandmauer konnte ich nur schwer ausmachen, ob das Wasser ansteigt, oder nicht. Doch auch wenn nicht, kamen mir einige Wellen zu nah an das Zelt heran. Auch wenn die Sorgen unbegründet sein würden, konnte ich so definitiv nicht schlafen. Um 1:30 Uhr nachts fasste ich den Plan, den Rest der Nacht in der kleinen Kapelle zu schlafen, die in die Mauer eingebaut war und Sicherheit vor Nässe und Wind versprach. Nur wie konnte ich sie erreichen, ohne klitschnass zu werden, während ich das Zelt abbaute? Erst brachte ich Spoon in die warme, herrlich nach Kerzen duftende Kapelle und band sie fest. Es folgten Schlafsack und Isomatte. Sollte ich nun den Rucksack in Sicherheit bringen, würde durch das fehlende Gewicht das Zelt fortfliegen. Die naheliegendste Lösung wäre, das Zelt erst in der Kapelle abzubauen. So schulterte ich nach kurzem Zögern den Rucksack im Zelt, und stand mit dem Zelt als Ganzkörperrüstung auf. Hätte mich jemand beobachtet, würde diese Person nun ein aufrechtes Zelt mit Beinen, die unten aus dem Eingang lugen, über den Strand laufen sehen.

Sicherlich ein lustiger Anblick, und auch mich munterte diese abenteuerliche Lösung etwas auf. Am nächsten Morgen gegen halb sieben kam ein Kerl vorbei, der neue Kerzen brachte. Ich hatte mein Gepäck jedoch bereits gepackt und schoss gerade in dem Moment dieses Foto, bevor ich mich ins Zentrum aufmachte, um zu warten, bis das Haustierwarengeschäft der Österreicherin aufmachte:

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Ich konnte die Straßenverkäuferin kontaktieren, welche jedoch erst am nächsten Tag nach Kerkyra kommen würde. So vertrödelte ich den Tag mit dem WiFi meines Lieblingscafés- und buchgeschäfts. Den ganzen Tag regnete es, weshalb auch Spoon im Café sein durfte. Aus Sorge wegen des gestrigen Sturmes und des heutigen Regens schlage ich mein Zelt dieses Mal vor der kleinen Klippe auf, bevor es herunter zum Strand gehen würde.

Am nächsten Tag konnte ich endlich meine Freundin treffen, die mir alles erzählte und selbst recht gelassen schien. „Alles wird gut, und es gab schon härtere Zeiten.“

Die Polizei, die sich um sie und den Künstler kümmerte, war lediglich eine Art Touristenpolizei, die ihnen nichts zu sagen hätte, die aber ihren Hang zur Wichtigtuerei freien Lauf ließ. Leider war sie zu verwirrt, um nach den Ausweisen zu fragen. Und dummerweise hatte sich herausgestellt, dass ihr Platz zufälligerweise von Anfang an von einer anderen Person angemietet und somit besetzt gewesen wäre, sodass meine Freundin trotz der ständigen Abwesenheit der offiziellen Mieterin keine Möglichkeit hätte, ihren alten Platz wieder einzunehmen.

Der Künstler mit der 5000 Euro schweren Haftstrafe müsste gar nichts bezahlen und konnte den Spieß herumdrehen, indem er beweisen konnte, dass seine Genehmigungen der Polizei vorliegen, aber vorerst durch deren Versagen nicht auffindbar sein würden.

Und dann war da noch die an zwei Tagen ausgestrahlte Dokumentation vom TV Sender „Corfu Channel“, die über unseren Platz berichtete, die wohl einiges an dem Unrecht beitrug. Die Schwiegereltern der Straßenverkäuferin hätten die Dokumentation gesehen. Es handelte sich um die illegalen Straßenhändler und deren Hunde, die nur Ärger machten, und um deren Gesocks, dass auf dem Platz herumlungern und schlafen würde (hier wurde wohl eine Aufnahme von mir gemacht). Und dann gab es in der Show noch ein Live-Telefonat mit dem fetten Priester, von dem ich bereits hier im Mittelteil berichtet hatte.

Die Straßenverkäuferin erzählte mir auch, dass sie während meiner Abwesenheit von einer alten Dame angesprochen und gefragt wurde, wo denn ihr Ehemann sei. Die Alte sprach von mir. Die Straßenverkäuferin war überrascht und amüsiert, da sie diese Frage um einiges jünger erscheinen lassen würde. Sie versicherte, dass ich nicht ihr Ehemann sei. So müsste ich wohl ihr Geliebter sein, eine Affäre.

Sie Insel mit ihren Leuten und dörflichen Getratsche, mit ihrer korrupten Polizei, den verlogenen, kapitalistischen Priestern und dem heuchlerischen Provinzsendern, fing langsam an, mich anzukotzen. Ich war wütend, und obwohl ich nicht wusste was, musste etwas gegen diese große Ungerechtigkeit geschehen. Und ich konnte die Insel erst verlassen, sobald dieses Etwas geschehen war.

Um es (sehr) kurz zu machen: Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, eine Kopie der Sendung zu bekommen. Ich wollte sehen, was wirklich ausgestrahlt wurde um dann weitere Schritte zu planen. Ein, zwei Mal pro Tag konnte ich dafür den Haustierwarenladen besuchen, um Telefonate zu führen, und im Café konnte ich e-Mails zum TV-Sender oder der Straßenhändlerin schicken. Den Rest der Tage vertrödelte ich schlafend im Park oder fand Dinge zu tun, wie das Trocknen des Zeltes. Eines Tages besuchte ich außerdem die alten Ruinen, die es in Kerkyra zu finden gab – inkl. kleiner Gratisgeschichtsstunde einer Frau im Rollstuhl. Aber eigentlich hatte ich all das hier satt, denn wirklichen Erfolg mit all den Telefonaten und e-Mails hatte ich nicht, und mal eben zum Sender latschen konnte ich auch nicht. Oder doch? Es war zu spät. Ich war ausgebrannt, allein und verließ nach vier, fünf Tagen die Insel.*

(Hier die Fotos von meinem Tagesausflug zu den Ruinen:)

* Wochen später las ich in einer e-Mail, dass auch meine Freundin (und vielleicht auch ihre „Verbündeten“?) die Sache ruhen ließen. Ich selbst hatte noch e-Mail-Kontakt zum deutschen Konsulat und später zur Botschaft, doch ohne Anwalt würde sich nichts machen lassen.

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Kategorien: Vagabund mit Hund (SüdOstEuropaTrampen 2014), Vagabund mit Hund (StädteFotografie) | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

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