Mirtiotissa – Sonne, Sterne, Strand und Schwengel

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Mirtiotissa ist ein FKK-Strand, aber das wusste ich bereits. Nach meiner ersten, kurzen Nackterfahrung auf Samothraki, so dachte ich mir, kann ich auch auf’s Ganze gehen – und kennen tut mich hier doch eh niemand. Übrigens, in Griechenland ist FKK offiziell nicht erlaubt. Trotzdem wird hier und da die Freie Körperkultur ausgelebt.
Mirtiotissa ist im Jahr 2006 durch einen Sturm ein Stück weit geschrumpft. Mittlerweile lagerte sich aber wieder etwas Sand ab, sodass es sich eigentlich ganz gut aushalten lässt. Privatsphäre findet man dort aber trotzdem nicht. Aber will man das als Nudist eigentlich? Ich denke, das würden wohl die meisten behaupten. Ohne mich weiter zu informieren behaupte ich einfach mal, dass Nudisten es einfach genießen, ohne Kleidung im Freien zu sein und vor allem hier nackt zu baden. Oder steckt da doch manchmal ein Hauch Exhibitionismus hinter? Später dazu mehr.

Um zum Strand zu gelangen, musste ich geradewegs von der Ostküste etwa fünfzehn Kilometer zur Westküste hinter mich bringen. Da die Busse keine Hunde erlauben und ich keine Lust auf Trampen hatte, legte ich den Weg kurzerhand zu Fuß zurück. Um der krassen Mittagssonne zu entkommen, stand ich früh auf. Bis ich dann aber die Stadt verlassen hatte, war es dann aber doch schon wieder neun Uhr.

Ich folgte einer mittelmäßig befahrenen Straße, hinaus aus dem Stadtkern, durch den schnöden Stadtrand Kerkyras und schließlich vorbei an wunderschönen Hügellandschaften und kleinen Ortschaften mit den typisch weiß angestrichenen Häusern und roten Dachziegeln, die zwischen Zypressenhainen hervorlugen. Ich war überrascht, wie gut Spoon den Marsch durchhielt, und noch vor der Hälfte war ich es, der eine kleine Frühstückspause brauchte, die wir im Schatten einer Kirche genossen.

Um Mirtiotissa zu erreichen, muss man Pelekas kreuzen, ein hübsches, kleines Dorf, welches sich einen Berg hinaufschlängelt und sich mit Restaurants, Unterkünften und ausreichend Geschäften gut auf die Touristen eingestellt hat. Von dort aus kann man sich entscheiden, ob man zum Glyfada Strand herunterwandert, der sich durch die Größe und durch sein Angebot mit Tavernen, Bars und Hotels gut für Familien und Partysuchende eignet, oder ob man etwas weiter und gut versteckt zum Mirtiotissa Strand herunterkrachselt, der zwar wesentlich kleiner aber auch ruhiger ist.

Mirtiotissa liegt am Fuße einer Klippe. So kann man kurz vor der Ankunft einen hervorragenden Blick auf den Strand genießen und sich einen Überblick verschaffen. So sollte man auch bemerken, dass es neben dem eigentlichen Nudistenstrand noch einen zweiten Teil gibt, der durch eine kleine Felswand abgetrennt ist und sich so für Menschen eignen, die weder nackte Ärsche sehen noch darbieten wollen.

Als ich jedoch den Rest der Klippe hinab ging, hatte ich diese Erkenntnis bereits verloren und machte es mir auf dem zweiten, felsigen Strandabschnitt gemütlich und wunderte mich, wieso sich die einzige Frau mit blanker Brust hinter einem Felsen verkrochen hatte. Ich nahm ein kleines Bad und machte es mir auf einem ungewöhnlich gemütlichen und vor allem sandfreien Felsen gemütlich und las. Als es dunkler wurde und die letzten Personen das Weite suchten, ließ ich den Tag mit Hilfe meiner Fotos Revue passieren. Und da fielen mir diese Bilder auf:

Hä? Ach ja, da war ja noch ein anderer Strand! Und all die nackten Leute dort. Das erklärte natürlich alles! Wie konnte ich nur so gedankenlos sein.

Ich machte mich zum FKK-Strand auf. Auch hier waren kaum noch Menschen. Ich erkannte rasch, dass die meisten Deutsche waren, und wie sie sich mit der Frau an der kleinen Hütte, welche Essen und Getränke anbot, unterhielten, schienen sie alle Jahre herzukommen. Aha! Eine eingefleischte FKK-Gesellschaft! Ich fragte die Frau an der Bar, wie die Dinge hier so laufen würden und ich fand heraus, dass die Strandliegen und Sonnenschirme zwar Mietpreise hätten, die Liegen aber über Nacht umsonst genutzt werden könnten. Dies war der Grundstein meiner folgenden Strandroutine!

Was ich gar nicht mag, ist Sand im Gepäck. So baute ich mir jede Nacht mein Nachtlager, bestehend aus zwei Liegen, auf. Eine für mich, eine für mein Gepäck. Spoon lief die ersten Tage über frei herum, bis sie herausfand, wo die Hühner waren. So war sie später nicht nur nachts, sondern auch tagsüber angebunden und döste im Schatten der Hütte oder der gestapelten Liegen herum. Ich war nicht der Einzige, der am Strand schlief. Ein muskulöses, bärtiges, schwules Pärchen hatte es sich am Ende des Strandes bequem gemacht. Aus Sorge vor herabfallende Felsbrocken hatte ich es mir mitten im Zentrum des Strandes bequem gemacht. Kontakt suchte ich zu niemandem. Ich wollte für mich bleiben, nichts tun und den Stillstand genießen.

Gegen acht Uhr morgens kamen die Barbesitzer, sodass ich die Liege freiräumte und es mir auf meinem Handtuch bequem machte. Ich überbrückte die Zeit mit Lesen, bis die Sonne gegen zehn Uhr die Felsen überwunden hatte und den Strand gnadenlos befeuerte. Mittlerweile hatte sich der Strand mit größtenteils alten Pärchen gefüllt. Was mir auffiel, war, dass ausnahmslos jede Person rasiert war: Intim- und Achselrasur bei Mann und Frau, Arsch-, Sack- und Brustrasur beim Mann. So streckten die Sechsigjährigen stolz ihre ungesund braungebrannten Babypopos gen Audienz, die desinteressiert barbusig ihre Bücher im Schatten der Sonnenschirme lasen. Ich, meist der Jüngste am Strand und selbst seit einem Monat unrasiert, musste ihnen wie ein Barbar vorkommen. So war mein buschiger Schwengel durch die Lage meines Lagers auch noch das Erste, was Neuankömmlinge am Strand erwartete.

Es war ein befreiendes Gefühl für mich, über meinen eigenen Schatten zu springen und meine Kleider abzulegen. Und trotzdem befand ich mich stets zwischen den beiden Gedanken, dass es für diese Gemeinschaft wohlmöglich das Normalste der Welt sei und dann vielleicht doch hier und da jemand heimlich hinüberschielt, um sich zu vergewissern, dass alles am rechten Platz sei.

Natürlich folgte ich persönlich dem zweiten Gedanken. Es war meine erste FKK-Erfahrungen, und natürlich war ich neugierig. Nach außen hin war ich aber absolut cool.

Durch meine eigenen Erfahrungen und Gefühle und durch die Erkenntnis, dass sich die FKK-Typen auch noch im hohen Alter gründlich, geradezu perfekt rasieren und sich zu Tode bräunen, kommt also abermals die Frage auf, ob es nicht nur das persönliche Genießen der Freizügigkeit ist, die Nudisten an die Öffentlichkeit treibt, sondern auch das Herzeigen der eigenen vermeintlichen Perfektion.

Nach meinem Frühstück, das ich mir nur zweimal im paar Kilometer entfernten, viel zu teuren Kiosk zusammenkaufte, da ich am ersten Abend eine ordentliche Ladung nicht verkauften Obsts und Gemüses von der Bar geschenkt bekam, nahm ich das erste Bad. Dann las ich weiter, bis mein Körper abermals von Schweißperlen übersäht war und ich das nächste Bad nahm. Gegen ein Uhr ging ich hinauf zum Restaurant, wo es freies WiFi gab. Während ich an den ersten zwei Tagen noch aus Höflichkeit ein Getränk bestellte, fragte ich später direkt, ob ich nicht das WiFi einfach so benutzen dürfe. Das durfte ich, und jeden Tag, an dem ich von der Sonne in den schattigen WiFi-Spot floh, bekam ich einen Eiskaffee gratis auf’s Haus.

Nach siebzehn Uhr trieb mich die Ungeduld Spoons und mein Hunger hinab zum Strand. Ich nahm das letzte Bad, las weiter und wartete, bis es dunkel wurde und die Gäste den Strand verließen. Dann baute ich mein Nachtlager auf.

Die späten Abende waren unglaublich! Ich weiß nicht, ob ich jemals so einen sternenklaren Himmel sah! Mir wurde auch die Existenz des Mondunterganges bewusst, als in der ersten Nacht der rote Mond schon sehr früh im Meer ertrank. Als er dann als letzte Lichtquelle verschwand, erstrahlte die Milchstraße, die von links nach rechts über’s Firmament walzte. Der Sternenhimmel war so gewaltig, dass er mich bis zuletzt nicht sättigen konnte. So schaute ich wie bezaubert, und manchmal auch mit meinem Fernglas, stundenlang hinauf bis ich schließlich einschlief. (Fotos: Kann mir mal jemand erklären, wie man ordentliche Nackt-, äh, Nachtfotos schießt? Trotz des krassen Rauschens bekommt ihr sicherlich dennoch eine Idee vom Himmel.)

Die Zeit im schattigen Internet verweilte ich zum Strandleben passend mit Videos zur Senkung der Arbeitsmoral und mit Dokumentationen, die den Wahnsinn unserer westlichen Gesellschaft zum Thema Arbeit aufzeigt. Ich wurde darin bestätigt, dass ich nie mehr eine Vierzigstundenwoche für mehr Geld auf Kosten meines Glücks ertragen möchte, wie ich es vor meiner Reise selbst für mich und meine Ziele gewählt hatte. Am Ende meines Posts habe ich ein paar interessante Links zum Thema angefügt.

Nach vier Nächten hatte ich genug vom Strandleben. Im Restaurant schmiedete ich mir einen Plan zusammen, der mich für ein, zwei Nächte zurück nach Kerkyra führte, um dann zurück zum Festland zu schippern. Als mein letztes Ziel wählte ich vielleicht einen der heiligsten Orte Griechenland aus, der von geschichtsträchtiger Atmosphäre nur so triefen musste: Olympia.

Der Rückweg war easy: Am Strand fragte ich spontan ein Pärchen, ob sie nach Kerkyra fahren würden. Sie konnten mich etwa sieben Kilometer mitnehmen. Dann ging ich zwei, drei Kilometer, bevor mich ein polnisches Pärchen direkt ins Stadtzentrum fuhr. Auf dem Weg zum altbekannten Straßenhändlerplatz mit seinen Restaurants und den zwei Kirchen überlegte ich mir, wie ich meine griechische Freundin begrüßen könnte. Vielleicht ein cooles „Hey“ aus dem Nichts, oder ein überraschendes Winken aus der touristischen Masse? Ich entschied mich für die Coolness, doch als ich das Nichts erreichte, beunruhigte mich was sich mir bot.

Links zum Thema „Arbeit“:

Sinn der Arbeit: Ich arbeite, also bin ich (Beitrag von Zeit.de)

„Wir müssen die Arbeit umverteilen“ (Interview mit Richard Sennet, Zeit.de)

Schneller, effizienter, besser – Die Zeit im Zeitalter der Rastlosigkeit (ARTE-Dokumentation auf YouTube)

Frohes Schaffen – Ein Film zur Senkung der Arbeitsmoral (DVD im Handel erhältlich, leider(!!!) nicht mehr auf YouTube)

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Kategorien: Vagabund mit Hund (SüdOstEuropaTrampen 2014) | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , | 3 Kommentare

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3 Gedanken zu „Mirtiotissa – Sonne, Sterne, Strand und Schwengel

  1. Hi Daniel,

    das endet hier ja mit nem Cliffhanger 🙂 Hattest Du seitdem keine Lust, Zeit oder Gelegenheit mehr zu schreiben? Jedenfalls gefällt mir Dein Blog sehr, starke „Reise“, die Du da machst! Was verwendest Du denn für eine Kamera? Zu Nachtbildern muss ich gestehen, dass ich selbst kaum Ahnung habe, aber grundsätzlich sollte die ISO-Zahl so niedrig, wie möglich sein (also z.B. ISO 100). Die Blende möglichst geschlossen halten, also F22 oder so. Die Belichtungszeit wird dadurch zwar länger (also 30 Sekunden sind dann nicht ungewöhnlich) und man muss die Kamera irgendwie irgendwo auflegen, aber anders gehts kaum (glaub ich). Bei Kompaktkameras kann man oft selbst nicht viel einstellen, aber hilft dann der Nachtmodus, der im Grunde das macht, was man selbst eingestellt hätte.

    Gruß
    ulli

    • Hallo Ullli!

      Vielen Dank für deinen Kommentar, dein Lob und ja, einfach deine Aufmerksamkeit. Ich muss wohl eingestehen, dass ich in den letzten Wochen den Blog sehr vernachlässigt habe, was zum Teil mit meiner Faulheit und zum Teil mit meinem brandneuen (und doch irgendwie altbekannten) Lebensstil zu tun hat, der mich geradezu zur Faulheit verführt. Du hast aber vollkommen Recht, der Cliffhanger hängt hier schon viel zu lange in der Luft herum und es ist höchste Zeit, aufzudecken, was sich mir da wohl für ein Grauen bot und wie es danach weiterging. 🙂

      Ich habe eine Nikon D7000. Bei den Nachtbildern habe ich deine Tipps verwendet, aber wie man sieht fehlt da immernoch was. Vielleicht in der Nachbearbeitung, und vielleicht hat es dann noch was mit HDR-Trickserei zu tun?! Na, bevor’s zum nächsten Sterne-Shooting geht, sollten wir ein paar Foren durchstöbern. 😉

      • Hi,

        schön zu lesen, das es weitergeht 🙂

        Wegen Nachtfotografie sind Foren sicher eine sehr gute Idee! Gegen Bildrauschen hilft auf jedenfall eine geringe Lichtempfindlichkeit und lange Belichtung (hatte gerade am WE nen Bild gesehen mit 45 Minuten Belichtungszeit, aber das ist halt dann recht aufwändig), gegen Verwackeln hilft z.B. ein Fernauslöser (die gibt es zum Teil schon für 3 Euro). HDR-Trickserei ist eher ein anderes Thema, aber da habe ich keine echte Erfahrung.

        Wünsche Dir jedenfalls viel Spaß, tolle Erlebnisse und alles Gute auf Deinem weiteren Weg!

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