Gestrandet in Kerkyra

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Die Nacht auf der Bank war in Ordnung. Allerdings war die Bank so geformt, dass nach einiger Zeit die Beine schmerzten. Das Tickethäuschen hatte ein Bad, das ich auch zum Zähneputzen nutzen konnte. Einer der Ticketverkäufer schaute skeptisch zu mir herüber. Als ich den Vorraum mit dem schmutzigen Spiegel und dem schmierigen Waschbecken verließ, schloss er die Tür ab. Schlechte Aussichten für den nächsten Tag, dachte ich. Ich schulterte meinen Rucksack und folgte der Küstenstraße Richtung Altstadt. Nachdem ich in einem Supermarkt mein Frühstück besorgte und mich in eine hübsche, leere Straße setzte, war es bereits neun Uhr. Es stellte sich heraus, dass ich mich in eine der meist besuchten, touristischen Straßen gesetzt hatte. Die Ladenbesitzer öffneten langsam ihre Läden, sodass ich zu Gunsten der ausgestellten Ware weichen musste. Das hübsche Schild eines Buchladens, zeitgleich Café, erregte meine Aufmerksamkeit. Ich merkte mir den Ort und folgte der Straße bis zu einem Platz, der mein Inselleben als Mittelpunkt all meines Glücks und Pechs gestalten sollte.

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Ich setzte mich auf eine Stufe vor der größeren der zwei Kirchen des Platzes nieder und fing zu zeichnen an. Das Stadtleben zeigte langsam seine Züge, doch meine Aufmerksamkeit galt einer Straßenverkäuferin mittleren Alters, die unweit meines schattigen Plätzchens ihren Stand aufbaute. Neben Armbänder und dem Angebot, Haarsträhnen zu dekorieren, schien sie auch selbst gemalte Bilder auf Leinwänden zu verkaufen. Wow, dachte ich, eine richtige Künstlerin! Und sie schien viel Talent zu haben, denn laut ihren Bildern konnte sie das Stadtbild Kerkyras unglaublich realistisch darstellen.

So eine Künstlerin müsste wissen, wo ich gutes Papier zum Zeichnen finden konnte, und als Straßenverkäuferin könnte sie mir auch erzählen, wie der Straßenverkauf rechtlich geregelt sei. Denn ich verspürte wirklich kaum mehr Wanderlust, und da ich in den letzten Tagen viel zu viel Geld ausgegeben hatte, wäre eine Pause mit verkauften Zeichnungen meinerseits doch eine gut genutzte Auszeit.

Ich fasste mir ein Herz und näherte mich ihrem Stand, nachdem sie sich nach getaner Aufbauarbeit gemütlich gemacht hatte. Doch zuerst studierte ich ihre Malerei. Irgendetwas schien faul zu sein. Ich schaute genauer hin, und tatsächlich! Es waren keineswegs gemalte Kunstwerke, es handelte sich um auf Leinwand gedruckte Fotografien! Obgleich ich ein wenig enttäuscht war, war meine neue Erkenntnis insofern inspirierend, dass diese Technik doch auch für meine Idee, ein wenig Geld zu machen, recht komfortabel schien.

Ich sprach die Frau, die mit ihren langen, braunen Haaren auf ihrem Campingstuhl saß, an. Sie sprach englisch, und ich fragte meine vorbereiteten Fragen. Straßenverkäufe müssten genehmigt, besteuert und versichert werden, die gedruckten Fotos seien Kunstwerke ihrer Schwester und das Papier könnte ich hier oder dort finden… hier hätte ich mich bedanken und gehen können, doch die Dame lud mich kurzerhand zu einem Kaffee ein. Wir redeten und redeten, aßen zusammen, scherzten und lachten, und zum Schluss schenkte sie mir sogar eine alte Karte, ebenfalls gedruckt auf Leinwand.

Ehe ich mich versah, vergingen sechs Tage. Sechs Tage einer Routine, die als Reisepause recht angenehm war, aber auch einer Routine, die mich aus dem Leben eines Reisenden schleichend in die Schublade eines Obdachlosen schmiss:

Während ich die zweite Nacht noch auf der selben Bank schlief, wechselte ich später zu einem kleinen, steinernen Strand nahe des Zentrums, wo ich mein Zelt aufbauen konnte. Jeden Morgen, nachdem die Sonne über die Hügel am Horizont kroch, weckte mich die Hitze im Zelt bereits um sieben Uhr auf. Um zehn Uhr schluckte sie dann auch den Schatten meines Zeltes, den ich zum Weiterratzen nutzte. Gegen elf Uhr suchte ich den Stand der Straßenverkäuferin auf, die als Basis des Tages galt. Wir tranken Kaffee, unterhielten uns, ich editierte Fotos oder las im Buch, das ich mir am ersten Tag kaufte. Oder wir beobachteten die Touristen und Touristengruppen, rätselten woher sie wohl stammen würden. Manchmal war auch ihr Sohn dabei, mit dem ich mich gut verstand. Spoon hatte genug Auslauf auf der großen, nahen Wiese und der Welpe einer der benachbarten Straßenverkäufer hielt sie vor Ort auf Trab.

Die Arbeit auf der Straße ist hart. Auf dem Platz gab es zwei Restaurants, die jeweils eine junge Frau angestellt hatten, die pausenlos in der Sonne stehen mussten um nähernde Touristen anzusprechen und auf einen Blick in die Karte einzuladen. „Hellooo! Teik e luck et se menjuuu, pliiiiis! Wer arr ju from? Hef a neis deeei!“ (Auch sehr gut, die Tourifängerin eines Fisch-Spas: „Spa-Massaaage, no teeth no paaain!“) Dabei werden sie nicht stündlich bezahlt, sondern nach eingefangenen Touristen, die im Restaurant Platz nehmen. Ihre Gesellschaft wird dabei von einem Kollegen geprägt, der Deutsche überhaupt nicht mag, mir aber trotzdem erlaubt, das WiFi und die Toilette des Restaurants zu nutzen. Dann gab es die drei Straßenverkäufer, die nie wissen, mit wieviel Geld sie am Ende des Tages dastehen. Während meine neue Freundin erst ihren zweiten Sommer hier verbrachte, erzählten die anderen nicht ohne Stolz, dass sie bereits zwanzig Jahre auf der Straße arbeiten würden. Während einer der zwei Männer die Winter zum Reisen nutzt und eigentlich als Künstler arbeitet, sogar ein riesiges Monument in den Staaten sein Werk nennen darf, arbeitet der andere Tag für Tag von früh morgens bis spät in die tiefe Nacht, um seine Frau und drei Kinder zu ernähren, die er mit dieser Arbeit aber kaum sehen kann. Dann gab es noch eine Gruppe von drei Jugendlichen, die leider nicht zu weit entfernt jeden Tag fünf, sechs Stunden in Dauerschleife  ihre fünf Lieder runterratterten – eine Qual die wir nur mit viel Humor ertragen konnten. Manchmal kam ein mit meiner neuen Freundin befreundetes Pärchen vorbei, die mit Gitarre, Mandoline und Gesang griechische Volkslieder der 1910er Jahre darboten und mir auch für eine Nacht Unterschlupf bei Freunden ihrerseits anbieten konnten. (Witzig, nachdem ich aufwachte, kommt eine Person in die Küche, in der ich auf einem Sofa schlief. Nach einiger Überlegung stellte sich heraus, dass diese Person eine der Personen war, denen ich in den Tagen zuvor per CouchSurfing schrieb.)

Und dann gab es noch die schlechteste, lebende Statue die ich bis dato sah. Ein Mitglied der „bulgarischen Mafia“, die mit Hilfe vieler armer Säcke und der anscheinend leichtesten Straßenkunst Geld macht – viel Geld. Sei’s drum, wir hatten täglich unsere Freude daran, seine heimlichen Blicke zu beiden Seiten zu beobachten, seine genervte Armbewegung, wenn sein Schleier mal wieder von der Schulter fiel, seine auf- und abwippende Armbewegung, des Robotertanzes ähnlich, wenn er sich wieder zu konzentrieren scheint und seine charismalose, eingespielte Gestik als Dank, wenn sich jemand seiner vermeintlichen Kunst erbarmt.

Ab und zu kam eine weitere Freundin der Straßenverkäuferin vorbei, die mit ihrem Hund zur Wiese ging und der ich mich anschloss. Sie kommt aus Österreich und hat mit ihrer Partnerin unter anderem ein Laden mit Haustierbedarf eröffnet. Klar, dass da ab und zu etwas für Spoon abfiel. Manchmal habe ich das Gefühl, dass Spoon mit Hunden im Balkan nicht gut auskommt. Umso glücklicher war ich, wenn ich sie beim Spielen mit dem Hund der Österreicherin beobachten konnte.

Besonders interessant war für mich die Geschichte des fetten Priesters, der in der kleinen Kapelle gegenüber des Straßenstandes arbeitete. Seit Jahren versucht er, etwas gegen die Straßenverkäufer zu tun. Er behauptet fest, der kleine Welpe des benachbarten Straßenverkäufers würde in seine Kapelle kacken, und überhaupt die Touristen stören. Die riesigen Straßenhunde, die überall zu finden sind, scheinen von seinen Anschuldigungen gefeit zu sein. Einst brachte er auch den Mann des Straßenmusiker-Pärchens für ein Wochenende in den Knast, weil der Priester in dem Musizieren reine Bettelei sah, und das verboten sei. Auch während meiner Tage auf dem Platz sah ich ihn tagtäglich einarmige Bettler oder Junkie-Frauen verscheuchen, die sich auf der Bordsteinkante vor seiner Kapelle niedersetzten und so seine Kunden verscheuchen würden, denn seine Kapelle, golden eingerichtet, ist zeitgleich ein Tourigeschäft.

Zur gleichen Zeit scheint ihm sein Ruf sehr wichtig zu sein. So kam er öfters zu meiner Straßenverkäuferin, um ihr klar zu machen, dass all seine Anschuldigungen nicht gegen sie seien, lediglich gegen den anderen mit dem Hund. Und auf die Frage des Straßenmusikers, warum er, der Priester, denn so fett sei, antwortete er kurzerhand, dass es an der speziellen Nahrung liegen würde, die er als Priester essen dürfte, wenn mal wieder Fastenzeit sei.

Ich lerne aber auch etwas über mich. Vielleicht ist es typisch für einen Deutschen, aber ich bemerke, dass mir Zuverlässigkeit wichtig ist – besonders von Geschäften. Ich informierte mich in einem Copyshop über Preise für einen Druckauftrag, über die Druckmöglichkeit auf einem bestimmten Material und nach der Möglichkeit des frühmöglichsten Druckstarts. All das kostete mich mindestens drei Tage, nur um dann eine Abfuhr zu bekommen. In einem anderen Geschäft, das Hundemarken mit individuellen Namen und Telefonnummern anbietet, gebe ich eine Hundemarke in Auftrag. Zwei Tage sollte das dauern. Am zweiten Tag vertrösten sie mich auf den nächsten Tag, nur um mich erneut auf zwei Tage später zu vertrösten. Ich sagte, ich sei dann vielleicht nicht mehr auf der Insel. Das sei in Ordnung, meinte der junge Mann. Wenn ich noch da sein sollte, solle ich einfach vorbeikommen und die Marke abholen. Obwohl ich noch immer auf der Insel war, holte ich sie nie ab. Stattdessen begnügte ich mich mit einer Plastikhundemarke der Österreicherin – mit einschiebbarem Papier, für ein Achtel des Preises.

Nein, mit der Mentalität könnte ich nur schwer leben. (Gallerie: Abseits der Tourizone. Kerkyra hat definitiv ein Müllproblem. Auch am Platz auf dem ich mich aufhielt, kam ab und an ein schrecklicher Gestank aus dem nahen Gulli, aus dem zusätzlich des Nachts Kakerlaken herauskriechen, falls jemand Essbares offen auf der Straße zurückließ. Und in den anderen Straßen wehte manchmal ein kurzer Hauch schrecklichen Miefs vorbei.)

Am sechsten Tag war es dann soweit. Das Kirchenpersonal beschwerte sich über Spoon, die ich am Zaun der Kirche festgebunden hatte. Sie würde Touristen erschrecken und zu oft Leute anbellen. Dabei sprachen sie nicht mit mir, sondern mit der Straßenverkäuferin. Und sollte es nochmal passieren, käme die Polizei.

Es passierte nicht nochmal, doch die Polizei kam trotzdem. Die Verkäuferin schickte mich vorsichtshalber weg, und als ich nach einem Schläfchen im Park wiederkam, so erzählte sie mir, sei alles in Ordnung gewesen und nichts sei passiert. Trotzdem, ich fühlte mich unwohl. Da ich keine weiteren Probleme machen wollte, suchte ich mir mit Hilfe des Künstlers und einer Karte der Insel, die ich geschenkt bekam, ein neues Ziel aus, das ich am nächsten Tag aufsuchen würde: Mirtiotissa.

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