Ein wenig Pech, ein Haufen Glück – von Meteora nach Korfu

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Als ich von meinem Abenteuer zurückkam sprang ich in den Pool, duschte, trank und aß etwas. Ich genoss den letzten Abend auf dem Campingplatz am Laptop und fragte mich, wie’s wohl weitergehen sollte. Am nächsten Morgen, immernoch ratlos, las ich etwas über den Pindus Nationalpark, der laut ’ner Greentours-Homepage wahrscheinlich der am wenigsten bekannteste und besuchte Nationalpark Europas sei. Ich war mir nicht ganz sicher, ob ich nach Meteora abermals in der Natur verschütt gehen möchte und peilte die nächste, größere Stadt Ioannina als erste Destination an. Von dort aus könnte ich weiterplanen.

So kam ich, nachdem ich meine Vorräte in einem Supermarkt aufstockte, erst gegen 15 Uhr am Rande Kalampakas an. Hier gibt es einen perfekten Punkt zum Trampen, mit guter Sicht und genug Haltefläche, ohne andere Autos zu behindern.

Ich mache es kurz: Nach sechs Stunden bin ich elf Kilometer vorangekommen, von denen ich einen lief, und war einen Kilo Gratisnektarinen und mehrerer Kilo Enttäuschung reicher. Kaum auszudenken, dass diese Odysee in einer Villa enden sollte.

Auf meiner Reise habe ich eines gelernt: Auf Regen folgt Sonnenschein. Es gibt beschissene Tage, aber die nächste, abgefahrene Erfahrung wartet bereits hinter der nächsten Ecke. Diese Weisheit lässt sich auf alles mit Ausdauer anwenden. Habe ich nicht genug Erdnussbutter für’s Brot, lasse ich Flächen kaum beschmierten Brotes frei. So habe ich geschmacklose, zähe Kauabschnitte vor mir, aber auch die Gewissheit, dass ich das Brot mit einer schmierigen, viskosen Genugtuung verabschieden werde.

Trotzdem verfluchte ich jedes vorbei fahrende Auto.

Als die Sonne die Spitze des gegenüberliegenden Hügels erreichte und somit das Tal vollends in Schatten legte, baute ich das Zelt auf, bevor es zu dunkel wurde. Meine Stirnlampe wollte ich nämlich nicht benutzen. Ich wollte vielmehr diese Situation so unbemerkt wie möglich hinter mich bringen. Die umliegenden Bäume, Büsche und das hohe Gras halfen mir dabei. Am nächsten Morgen, um fünf Uhr, weckte mich der Wecker. Ich hatte erstaunlich gut geschlafen und lauschte. Ich hörte nichts. Sollte ich meine Sachen packen und hoffen, dass mich eines der selten vorbeifahrenden Autos mitnehmen würde? Nein. Ich schlief lieber noch ein wenig länger und verschob das Packen auf sieben Uhr, bevor ich mich an dieselbe Stelle positionierte wie schon am Abend zuvor.

Die Nacht nicht durchzutrampen war eine gute Idee, denn nachdem ich ausgeschlafen am Straßenrand stand, musste ich kaum eine halbe Stunde warten, bevor ich die zweite Pickup-Fahrt meines Lebens erleben durfte. Hiermit hatte ich meinen Trampwartezeitrekord von fünf auf elf Stunden erhöht. Ein älteres Paar hielt an und nahm mich etwa 15 Kilometer mit, bevor sie mich an einer Straßengabelung aussetzte. Sie gaben mir noch eine Wasserflasche mit und fragten mich, woher ich komme. Als ich wahrheitsgemäß antwortete, nickten sie mit zumindest nicht erfreuter Mimik und zischten kommentarlos von dannen.

Noch in Deutschland bekam ich den deutschen Unmut mit, dass deutsche Touristen in Griechenland nicht mehr willkommen seien. Auch ich betrat das Land mit dieser Vorsicht, immer mit einem skeptischen Unterton oder mit mit einem stets richtig beantwortenden Rätsel antwortend: „The country every greek hates.“

Meiner Erfahrung nach fokussiert sich diese Abneigung jedoch lediglich auf die deutsche Politik, personifiziert durch die unheilvolle Frau Merkel. Deutsche Touristen hingegen, oder Gäste, Reisende, seien willkommen. Bei Geschäftsleuten sowieso, denn mit deren falschen Lächeln lässt sich immernoch gutes Geld machen, die die Deutschen, mal abgesehen von meinereins, ins Land bringen. Dieses falsche Lächeln wurde mir übrigens mehrfach von Einheimischen (ohne Nachfrage) bestätigt. Der Grieche sei sehr freundlich, sähe es aber nur auf’s Geld ab. Ohnehin sei Griechenland das Arschloch der Welt. Bis zu diesen Worten war mir die Gemeinsamkeit zwischen Griechenland und dem Rest des Balkans nicht klar. Doch nun offenbart sich mir die Bedeutung des „Balkan“-Begriffes und die Verbrüderung der Länder: Hier ist es scheiße, alles ist schlecht, es gibt kein Geld und die verseuchte Politik ist der unüberwindbare Keim allen Übels. Überall ist es besser als hier!

Ich erhebe keinerlei Anspruch auf Nichtüberspitzung zur Darlegung meiner Erfahrungswelt.

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Zurück zur Straßengabelung: Zwei Autos, die wegen Spoon ohne mich weiterfuhren, hielten an bevor die wahrscheinlich zweitschäbigste Karre der Welt stoppte. Der Fahrer: ein freundlich dreinblickender Albaner mit flüchtendem Haar auf seinem Heimweg. Die Autobahn nach Albanien kreuzt den Stadtrand Ioanninas, welche nahezu einhundert Kilometer entfernt lag. Mit Freuden nahm er mich mit, doch Spoon müsste auf die Ladefläche. Ja, wir hatten es wieder mit einem Pickup zu tun. Rostig, das elektronische Pipapo des Cockpits reglos tot. Während wir mit bis zu 120 Sachen den Highway runterratterten, Spoon – nur eine falsche Bewegung vom rasanten Selbstmord entfernt – immer wieder ihre Position wechselte, konnte ich mich nicht entscheiden, ob nun das Fenster in der für dieses vorgesehene Fuge oder der auf halb acht hängende Rückspiegel mehr klapperte. Ich hatte viel Zeit für’s Beobachten, denn durch die Sprachbarriere tauschten mein behilflicher Albaner und ich nur ein paar Smalltalkfragen am Anfang der Fahrt aus.

Er setzte mich etwa fünf Kilometer vom Stadtzentrum entfernt aus, bevor er zurück zum Highway kurvte. Als sich die Bauten von Industrie- und Marktwirtschaft zu Hotels, Restaurants und Wohngebäuden wandelte, suchte ich mir ein nettes Café aus, um die nächsten Stunden nach einer Unterkunft zu suchen.

Vergeblich.

Ich fragte am Nachbartisch nach dem Weg zum Busbahnhof, denn einen Bahnhof gab es hier nicht. Ich hatte kein Problem, die Nacht auf der Straße zu verbringen, solange ich nur ein Dach über’m Kopf und eine mehr oder weniger gemütliche Bank zur Verfügung hätte. Als ich dann gegen 21 Uhr vom Café höflich rausgeschmissen wurde, da Spoon draußen die Leute auf Trab hielt, machte ich mich auf den Weg. So richtig Lust, die fünf Kilometer zum Busbahnhof zu gehen, hatte ich allerdings nicht. So setzte ich mich auf eine steinerne Bank gegenüber der alten Stadtmauer, mittem im hübschen Zentrum Ioanninas. Ich war demotiviert, aber glücklich, und wenn es sein müsste, würde ich bis zum nächsten Morgengrauen einfach sitzenbleiben.

Ich fütterte Spoon und auch mich, und als ich das Lächeln eines vorbeistromernden Typen erwiderte, setzte sich dieser kurzerhand an meine Seite. Der Kerl trug einen Haarknoten im Nacken und ein weißes T-Shirt mit griechischen Lettern. Während unseres seltsam vertrauten Gesprächs sollte ich erfahren, dass dieser Mann, seines Zeichens Künstler, die letzten zehn Tage im hiesigen Kunstmuseum verbrachte und die Werke studierte. Der griechische Schriftzug sei der Name des Museums.

Nein, er konnte mir kein Obdach bieten. Er konnte mir jedoch den Weg zum Busbahnhof zeigen, das tatsächlich überdacht sei. Denn hier, so nah am großen See, an dem die Stadt liegt, steigt gegen zwei, drei Uhr nachts ein sehr unangenehmer Nebel auf, dem ich sicherlich nicht ausgesetzt sein möchte.

Wir erreichten den Busbahnhof nie.

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Zwei Ecken und einen restaurantgesäumten Platz später hörte ich den Ruf einer jungen, weiblichen Person: „Bist du Daniel?“, deutsch.

Einst sagte mir meine Mutter, ich sei ein Sonntagskind! Das stimmt, denn ich war wirklich an einem Sonntag geboren worden. Doch auch die glücksgeschwängerte Bedeutsamkeit dieses Statuses schien zuzutreffen. Oder, um fair zu bleiben, zumindest auf dieser Reise.

Die junge Frau war eine der 16 Personen, denen ich den ganzen Nachmittag und Abend über persönliche Anfragen auf CouchSurfing schrieb und als einzige antwortete. Allerdings zu spät, denn ich wurde längst aus dem Café geschmissen. Durch mein Profilbild und Spoon hatte sie mich erkannt, als wir in exakt diesem Moment unsere Präsenz an dieser Kreuzung teilten. Ich auf dem Weg zum Busbahnhof, sie mit ihren Freunden per Auto unterwegs hinaus aus der Stadt. Schnell bat sie ihren Bruder, anzuhalten, sprang aus dem Auto und rief mir zu!

Ich war perplex, überrascht, konnte sie nicht einordnen. Sie erklärte mir, ich müsse mich schnell entscheiden, ob ich nicht mit wolle. Sie seien unterwegs zu einem Festival, komm, komm, schnell! Ich schaute zum wegweisenden Künstler, schaute zurück zur Frau auf der anderen Seite der Straße. Klar! Natürlich komme ich mit! Der Künstler hielt mich auf und bat zurecht um eine Minute, die ihm wohl zustehen würde, um sich gebührend zu verabschieden. Er sei wohl mein Engel gewesen, meinte er. Und vielleicht hatte er recht, denn ohne ihn säße ich immernoch auf der Bank. Wir umarmten uns, er gab mir einen Kuss, wie ihn manche Kulturen zum Gruße geben und ich eile zum Auto.

Im Auto sitzt ihr Bruder und drei ihrer Freunde. Fünf Personen in einem Auto mit fünf Sitzen. Und nun ich, und Spoon. Die Couchsurferin mit ihren langen Haaren setzt sich nach hinten, und ihre bebrillte, doppelzöpfige Freundin machte es sich auf dem Schoß eines weiteren Freundes gemütlich. Ich durfte es mir Dank Spoon auf dem Beifahrersitz gemütlich machen. Wir stellten uns vor, als ihr Bruder bereits die Kreuzung verließ. Ich ließ mir die seltsame Situation erklären, und nach etwa einer Stunde erreichten wir ein altes Dorf, Konitsa, in dem die letzte Band eines Festivals am Flusse spielte.

Natürlich hatten wir keine Tickets, aber über einen Schleichweg, vorbei an Schrebergärten und am fast ausgetrocknetem Fluss, gelangten wir ohne große Probleme zum Konzertgelände. Es war ein kleines Festivals mit einer Bühne, hinter der sich die alte, historische Brücke entlanghangelte. Fotos machte ich nicht, denn mein Gepäck hatte ich zurück im Auto gelassen. (Foto der Brücke aus dem Internet.)

Wo sollten wir heute schlafen? So richtig klar war das nicht. Mit einem Pickup (was sonst) gelangten wir ins Dorfinnere. Dieses Mal waren wir um die zwölf Personen auf der Ladefläche. Und Spoon, natürlich. Und ein Fahrrad. Wie eine Einheit Guerilla-Krieger bahnten wir uns unseren Weg durch das nächtliche Dorf, wo uns nicht nur ein Mitternachtssnack auf’m Dorfplatz, sondern auch das große Anwesen – damals als Hospital genutzt – irgendwelcher Freunde erwartete, indem es sich fürstlich schlafen ließ. Ich hatte sogar mein eigenes Zimmer. Verdammt, ich konnte am nächsten Morgen sogar duschen! Mit Duschgel und Shampoo! Das Frühstück, sowie das Bier und der Kebab vom Vorabend, wurde mir ausgegeben.

Wäre ich am späten Abend zuvor nicht in der Sekunde aus dem Café geschmissen worden, hätte ich nicht demotiviert auf der Bank Halt gemacht, hätte der Künstler nicht meinen Weg gekreuzt, hätte ich nicht in genau der Sekunde entschieden, mich zum Busbahnhof führen zu lassen… von all den Zufällen und Entscheidungen meiner Mitmenschen mal abgesehen… ja, was wäre dann?

Nach dem Frühstück machten wir uns auf den Heimweg. Der Bruder meiner deutschsprechenden Heldin fuhr unsere Gruppe Person für Person nach Hause, bevor wir uns zum eigenen Anwesen aufmachten. Wir hielten vor den Toren einer Villa am Stadtrand. Drei Etagen hoch, Balkone hier und dort, bäumten sich vor mir auf. Und das alles sturmfrei. Das Geschwisterpaar sollte die Mutter heute abend in Igoumenitsa abholen. Sie würde per Flugzeug auf Korfu ankommen und dann mit der Fähre auf’s Festland schippern. Doch zuvor sollte gekocht und entspannt werden. Spoon konnte sich derweil frei im Garten vergnügen.

Ich nutzte die Chance, um noch am selben Abend mit der letzten Fähre, die nach unserer Ankunft die letzten Lastwagen in tetrisartiger Manier auflud, Korfu zu erreichen.

Auf der Fähre machte ich die Bekanntschaft mit einer älteren Lady, welche mir während der eineinhalb Stunden Überfahrt eine Einheit griechischer Geschichte bot. Ich hörte interessiert zu. Besonders beeindruckt war ich jedoch, als sie mir von einer ihrer schönsten Kindheitserinnerungen vorschwärmte: Mit etwa vier Jahren fuhr sie das erste Mal auf die Insel Korfu hinüber. Damals noch in einem kleinen Boot. Als die Insel, die schon damals besonders wohlhabend war, näher kam, fand sich das kleine Mädchen in einem magischen Moment wieder. Das Licht, die Architektur, der Fortschritt, doch besonders das Licht hatten es ihr so angetan, dass sie diese Tage als die schönsten ihres Lebens empfindet.

Sie schwärmte ebenfalls vom Licht eines der kleineren Inseln im Süden. Ein Licht, so klar, wie sie es nirgendwo anders wahrnahm. Ihre Schwärmerei und ihre verträumten Augen machten mich buchstäblich sprachlos, und ließen mich, trotz des kühlen Windes und der müden Uhrzeit, den Moment genießen.

Es war bereits nach Mitternacht, als wir die Fähre verließen. Ich einen Kaffee und einer Packung Kekse reicher. Ich ließ mich auf einer der Bänke des Ticketverkaufs sacken und tat es dem ratzenden Obdachlosen auf der benachbarten Bank gleich.

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