Vertrocknet in Meteora

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Dieses Mal hatte ich mich besser auf das Land vorbereitet. Deshalb wusste ich über die Sehenswürdigkeiten, die das Land zu bieten hat, Bescheid. Als ich auf dem Bett in der Direktion in Slobozia lag und das Internet durchforstete, hatte ich mir Meteora als erste, touristische Sehenswürdigkeit ausgesucht. Hierbei handelt es sich um eine Felsformation, die wurmartig aus der Erde glotzt und tagtäglich von Unmengen an Touristen besucht wird. Auf den Gipfeln wachen einige Klöster über irgendwas und können gegen Eintritt betreten werden. Die meisten Touristen wählen das Auto oder den Bus, um die Klöster zu besuchen. Das Abenteuer, das ich erlebt hatte, können sie deshalb nur erahnen.

Zuvor sei gesagt, dass ich dieses Abenteuer mit frisch gewaschener Kleidung in Angriff nehmen konnte. Dies sei der Kaffeelady von Samothraki verdankt, die mich und unseren griechischen Freund nach einer endlos scheinenden Zugfahrt in Thessaloniki untergebracht hatte. Ich hatte das Gefühl, dass ich nach den letzten Monaten des Verzichts einige Zugfahrten verdient hätte, und auf die gute Begleitung wollte ich auch noch nicht verzichten. So bin ich nach zwei Nächten in Thessaloniki ebenfalls mit dem Zug nach Kalampaka gefahren, um auf dem Campingplatz (welch Luxus!) im Nachbardorf, Kastraki, zu kampieren. (Auf einem Bahnhof beim Zugwechsel traf ich eine Künstlerin mit Faible für Insekten. Sie schenkte mir Brot, Käse und Kekse. > Hier < ist ihr Blog.)

Den Tag der Ankunft ging ich entspannt an. Ich baute das Zelt auf, ging zurück nach Kalampaka um Hundefutter zu kaufen und sprang in den Pool. Ich surfte im Netz und ging einigermaßen früh ins Bett. Morgen sollte mein Abenteuer beginnen! Um nicht zuviel Geld für den Campingplatz zu bezahlen, wollte ich das komplette Areal an einem Tag erkunden! Zu Fuß, versteht sich.

Die Karte vom Platzwart eignete sich dafür ganz gut. Die Wege der Karte waren in Straßen, antiken Wegen und Trampelpfaden unterteilt. Nachdem ich das Dorf am frühen Morgen durchquerte, frühstückte ich am Fuße des ersten antiken Pfades, der sich schmal den bewaldeten Felsen hinauf schlängelte. Ich schloss mich zwei deutschen Mädels an, schickte sie aber nach ein paar zeitaufwendigen Objektivwechseln vor. Man würde sich sicherlich wiedertreffen. Und das taten wir auch, am Eingang des ersten Klosters am Ende des Pfades. Hier wimmelte es von Touristen, besonders von denen aus dem fernen Osten.

Im Gegensatz zu allen anderen bezahlte ich keine drei Euro, um das Kloster von innen zu sehen. Ich genoss die Aussicht, fand aber keinen Pfad, der weiterführte. Nur die Straße, besetzt von Touribussen, war zu sehen. Also beschloss ich, zurückzugehen und meinen eigentlich Plan zu verwirklichen: Ich wollte den Trampelpfaden folgen, die zwischen den Hügeln gen Norden führen. Den Anfang des Pfades zu finden war eine Kleinigkeit. Der Pfad, etwa so breit, dass ihm gerade so eine Person folgen kann, führte über eine sonnendurchtränkte Wiese, und schnell stellte sich heraus, dass die Natur schon lange die Oberhand errungen hatte.

Gräser, Diesteln, ganze Büsche mit trockenen, knorrigen Ästen machten den Pfad unkenntlicher, je weiter ich ihm folgte. Ab und zu verschwand er gänzlich, nur um hinter einer Kletterpartie über und unter Felsenformationen weiterzugehen. Manchmal musste ich mehrere Richtungen erkunden, um einen neuen Anfang des Pfades, oder das, was ich als einen zu erkennen erdachte, zu finden. Die Karte selbst war nicht mehr sonderlich hilfreich, aber ich hatte immernoch meinen Kompass, der mir in Kombination mit meinem Orientierungssinn eine Idee meines Standpunktes oder zumindest meiner weiteren Richtung gab. Besorgt war ich nicht.

Auch nicht, als ich – dichter Dschungel zu meiner Linken, steile Felswand zu meiner Rechten – auf allen Vieren, den Rucksack vor mich her schiebend, unter dornigen Ranken robbte und mich durch enge Felspassagen zwängte. Wäre ich dicker, wäre meine Tour hier zuende gewesen. Oder ich würde hier mein schmerzhaftes Schicksal finden, wie Aron Ralston in seinem Buch Between a Rock and a Hard Place. Ich fühlte mich abenteuerlich und lebendig, und der Gedanke an all die Touris in den Bussen zauberte ein hämisches, selbstzufriedenes Lächeln auf meine Lippen.

Nach all der Kletterei stand ich plötzlich auf einer riesigen Anhöhe, mit Blick über die Ländereien nördlich der Meteora-Felsen. Hier fand ich auch die Klosteranlage, die direkt in die Felsen eingearbeitet waren. Genau das architektonische Werk, dass ich vor wenigen Wochen im Internet sah und sehen wollte. Welch ein Zufall! Meine Pause am Fuße der Treppe wurde von einer riesigen Hornisse gestört. Das war in Ordnung, denn ich sah einen Pfad auf der Felsplattform vor mir, der, wie ich dachte, zurück ins Dorf führen würde. Ich hatte genug Abenteuer für heute und beschloss, mich auf den Heimweg zu machen.

Die Sonne hatte mittlerweile ihren höchsten Stand erreicht und knallte gnadenlos auf meinen Hut. Ich genoss die Aussicht eine Weile. Trotz der Statue, der abenteuerlichen Konstruktion von Kloster und dem riesigen Kreuz hatte sich kein Tourist hierher verirrt. Ich folgte dem staubigen Feldweg und freute mich auf das kühle Nass des Pools. Nach kurzer Zeit fand ich mich in einem Wald wieder. Der Schatten war ganz nett, aber ich musste feststellen, dass meine Wasservorräte zur Neige gingen. Plötzlich war ich mir gar nicht mehr so sicher, dass ich den Campingplatz in der nächsten Stunde erreichen würde. Diese Ahnung wurde bestätigt, als sich der breite Feldweg in einen weiteren Trampelpfad wandelte. Hier gab es immerhin alle paar Meter ein Zeichen von menschlichem Leben. Sei es eine achtlos weggeworfene Bierdose, oder ein um einen Ast gebundenes Band, das wohl zur Hilfe dienen sollte, den Pfad als solchen zu erkennen. Ich durfte aber auch ein Zeichen tierischen Lebens wahrnehmen, als ich ein Rascheln in einem Busch vernahm. Ich wartete, gefasst auf was für ein Monster da auch immer kommen möge. Nur bewaffnet mit meiner Kamera. Nach wenigen Minuten sprang das Monster wild aus dem Busch, bereit zum Angriff! Meine Kamera schoss Bild um Bild um Bild. So, sollte ich hier mein Ende finden, hätte die Nachwelt wenigstens ein paar Fotos meiner letzten, spektakulären Sekunden. Das Monster schien aber bereits gegessen zu haben, so dachte ich. Anders konnte ich das friedliche, oder zumindest satte, neutrale Handeln nicht einordnen. Damit ist das Erscheinen meines mysteriös verunstalteten, halb aufgefressenen Leichnams in den deutschen Medien vereitelt worden. Ich ließ die kleine Waldschildkröte hinter mir und kletterte dem nächsten Hang hinauf.

An einer steilen Anhöhe genoss ich den letzten Tropfen meiner Wasserflasche. Scheiße!

(Immerhin fand Spoon eine kleine Abkühlung:)

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Ich hätte nicht gedacht, dass ich weitere zwei Stunden durch den Wald irren sollte. Wobei „irren“ das falsche Wort ist, denn schließlich folgte ich einem Pfad. Ich hatte Durst und keinen Bock mehr! Doch irgendwann war es soweit. Der Wald öffnete sich. Ich sah das Aufblitzen der Sonnenstrahlen, die in den glühenden Karosserien einiger Autos reflektierten. Die Sonne gab immernoch alles und Spoon bockte. Sie wollte jeden Schatten am Wegesrand für eine Pause nutzen. Aber ich wusste es besser: Würden wir hier verweilen, könnte unser Zustand noch heikler werden. Mit der Straße als Quelle neuer Energie erreichte ich eben diese. Einige Autos fuhren vorbei und ich fing an zu trampen. Nur nebenbei, während ich der Straße gen Süden folgte.

Ein Pickup hielt an. Wow, ich durfte Spoon, meinen Rucksack und mich selbst aufladen und konnte die nächsten fünf Kilometer auf der offenen Ladefläche mitfahren. Was für ein lässiges, cooles Gefühl. Es erinnerte mich stark an die amerikanischen Tramper-Movies. Ja, jetzt war ich wahrlich ein Vagabund… mit Hund.

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An einer Straßengabelung schmiss er mich raus. Ich hatte weitere sechs Kilometer vor mir, stets bergab, immerhin. Weiteres Trampen schien mir unmöglich, so waren die meisten Autos vollgestopft mit westlichen Touristenfamilien und ohnehin viel zu edel um dahergelaufene Backpacker mitzunehmen, geschweige denn einen Hund. Auf dieser Straße hatte ich einige neue, wunderschöne Aussichten, und obwohl ich nur noch zurück zum Zelt wollte, nahm ich mir die Zeit für ein paar Fotos. Ich fand aber auch eine volle Wasserflasche, die der Hitze nach seit Stunden in der Sonne kochen musste. Dort lag sie, verlassen am Straßenrand. Ich dachte an all die Gefahren, die im vermeintlichen Wasser lauern könnten. Ich schielte zu Spoon und entschloss, sie zuerst trinken zu lassen. Sie mit ihrer Hundenase wird schon wissen, ob das Wasser trinkbar sei. Sie trank einen Schluck und entfernte sich vom Wasser. Ich war skeptisch, schob ihr Verhalten aber auf die Hitze des Wassers, welches ich schon in vorherigen Situationen beobachtet hatte. Ich war jedoch so durstig, dass ich tatsächlich vom Wasser trank. Von einer Flasche am Straßenrand, die irgendein Spinner aus einem Grund, den ich nicht wissen möchte, hinterlassen hatte.

Ich hatte überlebt.

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Kategorien: Vagabund mit Hund (SüdOstEuropaTrampen 2014) | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

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