Inselleben auf Samothraki

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Ich traf den Anfang 30jährigen Ecuadorianer im Hafen, als ich die Fähre verließ. Der erste Eindruck der Insel wurde von schöner Architektur, Palmen und regem Touristenleben bestimmt. Als wir versuchten, uns einen Überblick zu erschaffen, trafen wir ein junges Pärchen. Der junge Mann erzählte uns von einem wunderschönen Campingplatz, oben bei den Bathras namens Paradiso. Bathras werden die kleinen Becken genannt, die sich unterhalb der Wasserfälle bilden und nur allzu stark zum Baden einladen. Natürlich sei das Campen dort oben im Wald illegal! Wir ließen uns trotzdem und ebenso natürlich den Weg beschreiben: Blablabla, aha, hmhm, achso, so so, hmhm, ihr findet das schon selbst heraus, wenn ihr wirklich wollt, hüstel hust hust. Das Camp, welches eher einem kleinen Dorf glich, erstreckte sich über ein paar Ebenen des Waldes, begrenzt durch eine Ziegenwiese und Paradiso selbst. Wir schlossen uns kurzerhand einer Gruppe junger Leute an und bauten unsere Zelte auf. Das Inselleben konnte beginnen.

(Beim Hafen:)

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Als wir das Camp erreichten, verließen gerade zwei der Wildcamper das Lager. Ein Kommen und Gehen schien hier an der Tagesordnung zu sein. Die übrige Gruppe bestand aus jungen Griechen um die 20 Jahre, meist Studenten, die ihre Semesterferien oft nicht das erste Mal auf der Insel verbrachten. In der Zeit auf der Insel entstand ein friedliches und vertrautes Gruppengefüge, sodass wir einige Ausflüge und die Abende zusammen verbringen sollten, und besonders mein Freund von der Fähre genießt ein sehr positives Ansehen, welches durch seine Offenheit und seinem Hang, jedem Moment im Leben eine positive Besonderheit einzuhauchen und dieses zu teilen, gestaltet wird.

Noch am selben Abend besuchten wir die Bathras. Ich war überwältigt von der Schönheit der Natur. Ich hatte soetwas noch nie zuvor mit eigenen Augen gesehen. Das Wasser war arschkalt, aber egal. Nach einigen Monaten auf der Straße sollte ich mich an sowas gewöhnen. Schluss mit dem Weichei-Verhalten!

Im Laufe der Inseltage bildete sich eine Art Routine. Den Morgen begann man mit einem Bad in einem der fünf, sechs Wasserfallbecken, von denen man von einem zum nächsten klettern konnte. Bis nach ganz oben sind wir nur einmal geklettert.
Dann traf man sich an der Feuerstelle unseres Lagers und zelebrierte das Kochen des Kaffees. Der griechische Kaffee mit Honig einer unserer Mädels kam besonders gut an. Später unternahm man eine Tour, ich zeichnete oder ging zum Café um im Blog oder mit meinen Fotos zu arbeiten oder einfach nur um im Internet zu surfen. Die Abende verbrachte man auf dem Dorfplatz, wo die Touristen – Hippies, Rucksacktouries, Straßenhändler und sonstige alternative Lebensformen – musizierten, tranken und miteinander schwafelten. Eines Abends unterhielten wir uns mit einer jungen Straßenverkäuferin und Malerin, die ihren Schmuck und Bilder verkauft. Sie erzählte mir, dass sie bereits fünf Jahre unterwegs sei, nachdem sie ihr Studium pausierte. Sie plant niemals weiter als bis zum nächsten Ort für ihren Stand. Nach Samothraki möchte sie zum Rainbow-Gathering nach Rumänien – „wo auch immer es genau sei.“ Welch ein Zufall! So konnte ich ihr Dank meiner Zeit mit der Rainbow-Familie eine Idee vom Ort geben. Wohin es sie danach treiben würde? Keine Ahnung.

Eine weitere, schicksalshafte Begegnung war die eines jungen Rumänen, der seit Jahren mit ganzem Willen versucht, nicht zurück zu seiner Heimatstadt zu kehren: Slobozia! Eine Stadt, die ohne Mittel schwer zu verlassen ist, und in deren Fänge man nach erfolgreichem Ausbruch ja nicht wieder gelangen sollte. Für ihn bin ich eine fragwürdige Begegnung, die ihn daran zweifeln lässt, ob seine Entscheidung, Slobozia niemals mehr zu besuchen, so ultimativ richtig sei. Er freute sich, jemanden getroffen zu haben, der positiv von seiner Heimatstadt erzählte.
Er kam nach Griechenland, um zu protestieren, weshalb er nach Samothraki nach Athen reisen wird. Eigentlich lebt er in einem besetzten Haus in Barcelona, wo er mit anderen Personen eine Stätte erschuf, in der Personen mit friedlicher Absicht Unterschlupf und einen Ort der freien Entfaltung, besonders im künstlerischen Bereich, finden könnte. Er selbst stellt hölzerne Löffel her. Noch etwas, was uns Dank Spoons Namen verbindet. Er tauscht seine kunstvollen Löffel gegen Essen, Bier und andere Dinge, oder er verschenkt sie an Leute, die er mag. Geld hätte er nicht. Nach seiner Rückkehr nach Barcelona möchte er eine kleine Schmiede in basteln, um sich auch metallenen Löffeln widmen zu können.

Ich selbst bekam einen hübschen Löffel geschenkt. Einen Tag später traf ich ihn im Dorfzentrum. Er saß am Straßenrand und schnitzte an einem kleinen Stück Holz. Am selben Abend schenkte er Spoon das Resultat. Ein kleiner Löffel mit eingeschnitztem Herzen:

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Am zweiten Tag machten sich der Ecuadorianer und ich zusammen auf, um die Stadt der Götter zu erkunden. Eine uralte, mystische Kultstätte, nun nichts mehr als Ruinen. Trotzdem, wenn man sich darauf einlässt, durchfährt einem ein unglaubliches Gefühl, irgendeine Energie, die dieser Platz birgt. Mein Begleiter kapselte sich ab und verbrachte die nächste Stunde schweigend. Ich erkundete die Ruinen und stellte mir vor, wie die Gebäude auf’s Neue aus den Ruinen wachsen und die Bewohner über die schmalen Straßen wandeln. Dabei erwischte ich mich immer wieder, wie ich mir indigene Völker vorstellte und musste meine Fantasie korrigieren. War das der Einfluss meines Begleiters?
Der eigentliche Touristenfänger, alte, für Griechenland typische Säulen des zentralen Tempels, wurde zu dieser Zeit renoviert. So konzentrierte ich mich fotografisch auf andere Dinge.

Danach gingen wir nach Chora. Die wenigen Kilometer erschienen durch die Mittagshitze und dem fehlenden Schatten unendlich lang. Eine kleine Pause wurde mir nur durch ecuadorianischer Torheit gegönnt. Mein Begleiter ließ Spoon in unmittelbarer Nähe einiger Ziegen am Straßenrand frei. Wenige Sekunden später waren Ziegen und Spoon hinter der knorrigen, trockenen Baumgruppe verschwunden. Mein Gefährte folgte und erzählte mir nach erfolgreicher Suche, dass Spoon ein kleines Zicklein in einer Ecke eingeschlossen hatte und bellend jede Flucht vereitelte. Der Schäfer stand nur unmittelbar von der Szenerie entfernt und befeuerte meinen Gefährten mit einer Flut aus griechischer Meckerei. Später sollten sie sich trotzdem die Hand schütteln.
Chora liegt an einem Hang, sodass man sich schon bisschen bemühen muss, um die engen Gassen zu erkunden. Aber es lohnt sich, denn oben, an einem Restaurant, hat man eine wunderschöne Aussicht über die Insel. Spoon fand es buchstäblich zum kotzen und entleerte ihren Magen vor den Augen der spachtelnden Touristen.

Ein weiterer Ausflug führte zu einem langen, großen Strand an der Ostküste der Insel. Hier kann man bei klarem Wetter die türkische Küste am Horizont sehen, und das Handy des griechischen Kaffeemädels wechselte zum türkischen Netz. Die Strände Samothrakis bestehen aus unterschiedlich großen Steinen, die je nach Größe mehr oder weniger unter nackten Füßen wehtun. Badeschuhe, wie sie mein ecuadorianischer Freund hatte, machten absolut Sinn. Es gibt nur einen einzigen Sandstrand auf Samothraki. Dieser liegt an der Südküste und ist nur mit einem Boot erreichbar. Täglich fährt ein Boot vorbei, für das man insgesamt zwanzig Euro zahlen müsste. Man lässt sich dort aussetzen und springt an einem der nächsten Tage, wie man eben möchte, wieder auf’s Boot.

Eines Nachts gewitterte es so heftig, dass einige vom schlimmsten Gewitter diesen Sommers, ach was, der letzten Jahre, berichten sollten. Andere sagten, es sei das zweitschlimmste. Wir hatten eigentlich genug Zeit, um uns darauf vorzubereiten. Zu meiner Verwunderung schien sich aber niemand darum zu scheren. Unsere griechischen Freunde hatten nur billige Sommerzelte. Auf die Idee, ihre Sachen in meinem Zelt unterzubringen, kam ich leider zu spät. Als es soweit war, und der Regen über die Insel fegte und die Blitze den Himmel erhellten, lag ich in meinem Zelt und beobachtete die Wände meines Zeltes. Ich berührte sie immer wieder, um ihre Feuchtigkeit zu testen. Unter meinem Zelt, welches all die Nächte unbequem schräg positioniert war und mich des nachts in den meisten Schlafpositionen zur Seite rollen ließ, hörte ich einen kleinen Wasserstrom hinunter eilen. Mein Zelt hielt jeden einzelnen Wassertropfen heldenhaft zurück!
Doch viel mehr machte ich mir um die anderen Sorgen. Am nächsten Morgen sollte meine Sorge berechtigt sein. Niemand, außer der gut gelaunte Ecuadorianer und ich, hatten so richtig geschlafen. Allesamt waren durchnässt, die Kleidung durchtränkt. Sie kämpften die ganze Nacht über mit kleinen Seen auf dem Zelt, mit leckenden Zeltdecken und langsam durchflutende Böden. Trotzdem waren allesamt guter Laune.

(Hier Fotos vom Strand am Fuße Thermas, dem Dorf nahe Paradiso:)

So verging eine Woche. Und ja, ein, zwei Partynächte waren auch dabei. Meine Wanderlust wurde stärker und stärker, doch mochte ich nicht gehen, bevor ich nicht noch eine weitere Wasserfall-Ansammlung gesehen hätte. Es gibt hier einen Wasserfall, der auch „The Killer“ genannt wird. Wenn es regnet kommen die Wassermassen so plötzlich und heftig, dass bereits Menschen – besonders die, die so waghalsig waren, neben den Bathras zu campen – in den Tod gerissen wurden. Doch den Killer besuchten wir nicht. Am letzten Tag gingen wir zu den Bathras nach Paradiso. Hätte ich diesen Platz vorher gekannt, hätte ich sie öfter besucht. Hier die Gründe:

Die letzte Nacht verbrachte ich mit einem meiner griechischen Bekanntschaften und der griechischen Kaffeedame auf dem Dorfzentrum. Spät in der Nacht besuchten wir die hiesigen, heißen Quellen. Es gibt zwei Quellen: Eine zahlungspflichtige, dessen Besitzer mir wegen unerlaubter Toilettenbenutzung und folgender Unfähigkeit, vier Euro zu zahlen, Hausverbot gaben, und die freie Quelle mit wunderschöner Aussicht zur See. Das größere Bad dieser Quelle ist heiß, aber entspannend. Das kleinere Bad ist so heiß, dass ich es nur schwer aushielt, meine Füße im Wasser zu behalten. Wir blieben an der Quelle bis wir gemeinsam den Sonnenaufgang genießen konnten, bevor wir zum Camp hinaufwanderten, um unsere Sachen zu packen und zum Hafen zu trampen. Das ging erstaunlich gut. Überhaupt funktioniert das Trampen mit einer weiblichen Begleitung sehr gut (nun, das ist kein neuer Geistesblitz und sollte eigentlich jedem bekannt sein), denn so kam ich auch einige Tage zuvor mit Leichtigkeit zum oben genannten Strand an der Ostküste.
Wir drei und Spoon verließen die Insel, und würde ich nicht ab und zu nach Spoon schauen, die nicht unter Deck durfte, wäre ich genauso weggeratzt wie meine zwei, griechischen Freunde.

Ja, nach etwa neun Tagen auf Samothraki kann ich verstehen, warum die Menschen immer wiederkommen. Auch ich möchte eines Tages wieder Samothraki besuchen, in den Bathras schwimmen, im Wald campen und mit den anderen stundenlang das gemeinsam geteilte Essen vorbereiten und über’m offenen Feuer kochen.

(Hier noch ein paar Impressionen des Dorfes Therma:)

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