Playstation und Religion, hallo Griechenland!

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Ich lasse mir Zeit.

Bevor ich die Grenze überschritt, atmete ich tief durch und checkte meinen Rucksack. Die Mittagssonne tat ihr Übriges, sich bloß nicht zu rasch zu bewegen. Ich überquerte die Grenze problemlos zu Fuß. Um meine Ankunft langsam zu verarbeiten, entschied ich mich dazu, die ersten Kilometer zu Fuß zu erkunden. Obwohl nur wenig Verkehr herrschte, schaute ich mich nach einiger Zeit nach einem Weg hinunter zu den Feldern um, um das erste Dorf, welches am Horizont erschien, über Feldwege zu betreten. Ein schöner Nebeneffekt: Ich wagte es, Spoon ohne Leine laufen zu lassen. Sie war durstig, doch die Neugierde ließ sie fröhlich über den Feldweg und die gerodeten Felder laufen. Auf halben Wege kamen wir an eine Tränke, welche Spoon kurzerhand zur Badewanne umfunktionierte. Es war das erste Mal, dass sie freiwillig in Gewässer stieg. Ich würde ja auch gerne… aber nein.

Das erste Dorf heißt Ormenio. Die Straßen waren leer. Ich fand eine gute Stelle für eine Pause: Ein kleiner Platz mit einer Bank im Schatten der langen Äste eines Baumes und mit einer Wasserquelle, wo ich meine Wasservorräte auffüllen und meine Füße waschen konnte. Ich hätte hier gut und gerne schlafen können, aber ich wollte weiter.
Ich folgte einfach meiner Nase und erreichte eine Bar, auf dessen Terrasse zwei alte Männer saßen. Ein Priester kam heraus und begrüßte mich. Er sprach englisch und nahm meine Bestellung auf. Ich wollte das WiFi nutzen. Was ich nicht wollte, waren Fragen über meinen Glauben, und Phrasen, dass ein Leben ohne Gott sinnlos sei. Höflich brachte ich das Gespräch hinter mich, bevor ich mein erstes, griechisches Bier genoss. Alfa. Nicht schlecht.

Dann ging ich weiter. Jugendliche heizten auf ihren Rollern zwischen Ormenio und dem nächsten Dorf herum. Neben den Straßen breiteten sich die Felder bis zum Horizont aus. Ich fühlte mich wie ein richtiger Landstreicher.
Am Ende des nächsten Dorfes fand ich einen Pavillon auf einem Hügel, von dem man eine schöne Sicht über das Dorf hatte. Ich entschied, das Abendbrot und die Nacht hier zu verbringen. Das Dach gab mir Schutz vor Regen, und die Bank schützte vor der Kälte des Bodens.

So richtig schlafen konnte ich aber nicht. Das Gewitter und die zahlreichen Blitze über dem nächsten Hügel machten mich nervös. Der Pavillon schien der höchste Punkt des Ortes zu sein, und die metallene Spitze des Daches erschien mir nur zu einladend für einen schnellen, gebrutzelten Tod. Außerdem raubten mir die Mücken den letzten Nerv. Es war unmöglich, den Schlafsack zu verlassen, aber auch unmöglich, eingewickelt im Schlafsack länger als zwei Minuten frei zu atmen. Nach einer halben Stunde Willenskampf reichte es mir. Ich sprang in Unterwäsche aus dem Schlafsack und baute das Zelt unter dem Pavillon auf. Durch die Dunkelheit brauchte ich aber soviel Zeit, dass sich die Mücken ungestört an meinem Hintern laben konnten. Und als wäre das nicht genug, fuhr ein jugendliches Pärchen mit ihrem Moped vorbei. Sicherlich um hier rumzuknutschen. Mein Anblick, wie ich in Unterwäsche mit dem Zelt unter’m Pavillon kämpfte, ließ sie albern kichern. Zurecht!

Sie rasten davon, und ich flüchtete ins Zelt. Endlich Ruhe!

Am nächsten Morgen hatten sich die Mücken verdünnisiert. Verdammte Plagegeister. Ich füllte meine Wasservorräte an einem Brunnen und ging weiter. Auch das Gewitter hatte sich verflüchtigt, doch der Himmel war noch immer grau. Es sah zu sehr nach Regen aus, und nach wenigen Kilometern war es dann so weit. Ich konnte gerade noch in eine alte Bauruine am Straßenrand flüchten. Ein grauer, leerer Rohbau. Ich erkundete die Räume, und dem Graffiti nach handelte es sich wohl um eine Art Martial Art-Schule, und auch die Raumaufteilung sprach dafür. Ich genoss den Moment. Es erinnerte mich an das entspannende Gefühl, sicher und trocken in einem warmen Auto zu sitzen, während es draußen auf die Frontscheibe und auf das Dach prasselt. Nur schade, dass ich dadurch fast zwei Stunden verlor.

Später ging ich weiter und kreuzte ein weiteres Dorf. Auf Grund der Zeit und der sehr ähnlichen Dörfer fing ich an, halbherzig zu trampen, während ich der Straße folgte. Irgendwann hielt eine alte Karre an. Im Auto saß ein Mann besten Alters, der Spoon und mich gerne mit zum nächsten Dorf kutschierte. Mein Ziel, dadurch schnell einige Kilometer zu überbrücken wurde in dem Moment vereitelt, als der nette Fahrer vor seinem Haus anhält und kurz und knapp „Coffee!“ rief.

Beim Kaffee sollte es aber nicht bleiben. Er und seine Frau freuten sich über die Möglichkeit, ihrer Gastfreundlichkeit freien Lauf lassen zu können, und ich freute mich über einen überfüllten Tisch voll Suppe, Brot, Käse, Wurst, Honig, Butter, Salat und Kuchen. Während ich mich vollfraß und nichts übrig lassen durfte, schaute ich dem Jüngeren der beiden Söhne beim Playstation spielen zu. Er war beeindruckt als ich ihm sagte, dass ich das Spiel bereits durchgespielt hätte. GTA San Andreas. Als ich ihm jedoch beim Drive-By helfen möchte, machte mir die ungewohnte Spielsteuerung jedoch einen Strich durch die Rechnung und ich versagte auf klägliche Art und Weise.

Plötzlich kamen vier Personen hereinspaziert. Ein riesiger Kerl und zwei fein gekleidete Damen, und ein Bube mit frisch geschnittener Kurzhaarfrisur. Sie wurden eingeladen, sich hinzusetzen. Neben mir saß eine der beiden Frauen, blond, groß und schlank. Sie sprach deutsch und wir kamen ins Gespräch.

Ganz klasse. Ich war in eine Bibelrunde der Zeugen Jehovas geraten. Und ja, ich durfte mich auf eine weitere Glaubensdiskussion mit dem großen Hühnen freuen. Jede meiner rationalen Ein-Satz-Antworten auf seine kreationistisch basierenden Fragen wurden von seinen Bibelphrasen totgeredet. Diese Phrasen sind so einfach gestrickt, dass nun jeder sie verstehen kann. Gefährlich, da sie für Menschen, die sich nicht die Mühe machen Fragen zu stellen, oder auch nur ein wenig selbst zu denken, sehr logisch klingen. Ich ließ ihn reden und nickte müde. Meine Neugierde und mein unterschwellig bemitleidender Blick schwiff viel öfter zur Mutter hinüber, die von der kleineren Frau, mit der Bibel bewaffnet, zugequatscht wird. Mir wurde erklärt, dass deren Bibel den Unterschied hat, dass der wahre Name Gottes, nämlich Jehova, benutzt wird. Das sei richtig so, und wichtig.

Nach etwa einer dreiviertel Stunde waren sie weg. Sie wollten noch einen Kaffee in Bulgarien trinken und dann zurück nach Orestiada fahren, die erste größere Stadt Griechenlands. Von dieser Seite aus. Das sei auch mein Ziel, meinte ich, und fragte – trotz der Gefahr, weitere Bekehrungsversuche über mich ergehen zu lassen -, ob sie nicht noch Platz im Auto hätten. Fehlanzeige, das Auto sei zu klein. Das stimmte.

Eigentlich wollte ich weiter, aber die freundliche Familie und deren Annahme, ich würde noch lange bleiben, hielt mich wie ein Anker zurück. Spoon bekam essen und ich durfte meinen Laptop aufladen. Die Söhne nutzten die Chance, ein paar meiner Fotos zu sehen. Ich zeigte ihnen die Fotos der kreativen Angebote, die Dada und ich in Rumänien durchgeführt hatten. Der Jüngere war abermals stark beeindruckt und winkte einige Male aufgeregt seine Mutter herbei. Später zeigte er mir seine Kunstwerke, die er hauptsächlich in der Schule entwarf.

Nun war es aber wirklich Zeit, diese nette Familie zu verlassen. Der Abend war noch jung, und mit Glück würde ich ein Auto bis nach Alexandropolis finden! Ich bekomme noch ein großes Bündel Gemüse und mit Fleisch gefüllter Paprika mit und werde von den Jungs zur großen Straße gebracht.

Ich folgte der großen Straße. Die Sonne knallte immernoch gnadenlos auf uns herab. Obwohl Spoon den Großteil der Zeit geschlafen hatte, machte sie nur nach wenigen hundert Metern schlapp. An einer Tankstelle sah ich einige Hippie-Vans aus Polen. Ich ging rüber und näherte mich einer der Frauen, die ein Kind auf ihrem Arm trug. Sie wusste direkt, was ich wollte und schüttelte sachte den Kopf. Sie seien ohnehin in die andere Richtung unterwegs, zurück nach Hause. Die nächsten zweihundert Meter trug ich Spoon. Nun, so dachte ich, wird doch sicherlich jemand anhalten. Aus Mitleid und Sorge und Anerkennung über meine Liebe zu meinem Hund. Fehlanzeige. Auch ich machte schlapp und suchte uns ein schattiges Plätzchen für’s Trampen. Ich musste gar nicht so lange warten, bis…

Eine Frau wendete ihren Kleinwagen. Sie sah mich zuvor, hielt aber wegen eines Telefonates nicht an. Nun sei sie zurück gekommen. Erst im Auto bemerkte ich den geflügelten Schriftzug „GOD“ auf ihrem fülligen Oberarm. Sie war sehr führsorglich und bot mir an, bei ihrer Familie zu übernachten. Ich bedankte mich, winkte aber ab. Der Abend war noch zu jung und ich war optimistisch. Sie brachte mich zum südlichen Ende Orestiadas und gab mir ihre Adresse und Telefonnummer. Nur zur Sicherheit, falls mich keiner mitnehmen sollte. Bevor sie mich verließ, schickte sie noch floskelhaft aber herzlich Jesus an meine Seite. Ich hätte darauf vorbereitet sein müssen, doch ich war’s nicht. So schickte ich ihn kurzerhand auch zu ihr. Oder zu ihr zurück?

Das war ein Fehler! Das Wetter war super, und meine Position ebenfalls. Doch nach einer halben Stunde fängt es an zu gewittern. Jesus hatte mich verlassen, und saß in dem Moment vielleicht neben meiner letzten Fahrerin im Trockenen. Es gewitterte so plötzlich und so stark, dass ich es kaum zu einer überdachten Bushaltestelle schaffe. Der Himmel färbte sich tief grau und der Wind fegte fast waagerecht über die Stadt. Ich hätte von Glück sprechen können, dass der Wind nicht frontal zur Bushaltestelle raste, doch der Unterschied war nur minimal. Die Seitenwände des Häuschens waren zu 50% abgerissen, die halbe Rückwand hing Dank loser Schrauben durch, sodass sich der Schwall eines Wasserfalles hinter meinem Rucksack ergoss, der auf der ebenfalls feuchten und matschigen Sitzbank balancierte, um bloß keine der von Naturgewalt übermannten Wände zu berühren.

Spoon und ich hockten außerhalb des Häusschens hinter einer der halben Seitenwände. Der Regen schoss über meinen Kopf hinweg, immer auf der Hut möglicher Windwechsel. Später, als der Wind, doch nicht der Regen nachließ, flüchtete ich stehend auf die Bank neben den Rucksack. Über eine Stunde hielt mich das Unwetter auf Trab. Dann klarte es auf, als wäre nichts gewesen.

Als Beweis der ungestümen Naturgewalt: Mein Tagebuch trug feuchte Seitenkanten, eingeschlossen in meiner zumindest oberhalb wasserdichten Kameratasche, unten Kleiderbeutel, oben Kulturbeutel, hinten Laptop und Zeichenblock plus dicker Rückenpolsterung, an den Seiten Wasserflaschen… und überhaupt regensicheren Rucksackwänden. So’n Mist.

(Hier mein Standpunkt. Einfach Timer auf 20 Sekunden, dann Kamera an dünnem Faden vom Wind forttragen lassen:)

Regenguss

Was sollte ich tun? Ich hatte genug von Bibeleien, und mit einem nassen Hund wollte ich nun wirklich nicht bei der tätowierten Frau aufschlagen. Außerdem war nicht sicher, ob ihr Ehemann einen dahergetrampten Gast Einlass gewähren würde. Und Weitertrampen in meinem Zustand war unmöglich!

Ich erinnerte mich an Gleise, die auf meiner Karte eingezeichnet waren. Sie führten durch Orestiada gen Süden und würden sicherlich durch Alexandropolis führen. Sollte ich den Zug nehmen? Das würde heißen, dass ich es mir über Nacht auf dem Bahnhof gemütlich machen könnte. Vielleicht im warmen Bahnhofsgebäude. Ja, das ist gut! Mit Hilfe meines Kompasses bekomme ich eine Idee der Position meines Zieles, denn auf der Karte führten die Gleise am Ostrand der Stadt entlang. Natürlich fragte ich mich trotzdem durch, und kaufte noch rasch Hundefutter in einem Supermarkt.

Auf dem Weg durch die Stadt folgte uns ein Straßenhund mit unglaublicher Ähnlichkeit Spoons. Sie erinnerte mich sehr an Spoons Kindheit, herumtollend und neugierig, klein. Am Bahnhof angekommen erfuhr ich, dass das Gebäude nur zu gewissen Zeiten offen ist. Ich verpasste die Öffnungszeit um acht Minuten und müsste bis vier Uhr morgens warten. Das war in Ordnung. Ich machte es mir auf einer Bank unter dem Dach auf Seiten der Gleise gemütlich und fand aus Neugierde und Langeweile heraus, dass es hier WiFi gab! Ich nutzte es für ein Skypegespräch mit Dada. Gegen Mitternacht kam der letzte Zug an, der eine Horde Jugendlicher auslud. Einer davon sprach mich ob des WiFis an, um seine Freunde zu kontaktieren. Mit seiner Drahtigkeit und seinen Locken erinnerte er mich stark an Carson, dem Schotten aus Cluj. Er erzählte mir von seiner Zeit in Istanbul. Ein Semester oder gar Freiwilligenjahr? Ich weiß es nicht mehr. Nach einer Zeit in Griechenland sei er auf dem Weg zurück in die Türkei, nur um seinen Koffer abzuholen, den er aus „praktischen Gründen“ zurückließ. Ob praktisch oder nicht, er genoss die lange Zeit im Zug, in der man entspannen und in Gedanken verloren gehen kann. Dann wurde er von einer Freundin abgeholt, die ihn schwunghaft umarmte.

(Hier unser Doppelbett mit Spoons neuem Freund:)

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Ich schlief super und wachte ohne Wecker um vier Uhr auf. Am Ticketschalter erfuhr ich, dass mein Zug um 4:40 Uhr abfahren und um 6:30 Uhr in Alexandropolis ankommen würde. Ob Spoon im Zug erlaubt sei, müsste der Schaffner entscheiden.

Die Fahrt überbrücke ich schlafend. Der Bahnhof in Alexandropolis liegt neben dem Hafen. Gut für mich, da ich nicht sonderlich an der Stadt interessiert war. Ich musste aber trotzdem fast fünf Stunden überbrücken, bis meine Fähre nach Samothrakis abfahren würde, bzw. zwei Stunden, bis der Ticketschalter öffnen würde. Die Zeit nutzte ich für ein Frühstück an der Hauptstraße und für Internetgeschichten in einem Café.

Hier im Balkan muss man überall Extratickets für Hunde kaufen. Preislich geht das hoch bis 50% des Normalpreises. Für die Fähre waren es „nur“ fünf Euro. Trotz des für mich besonderen Fortbewegungsmittel wäre die Überfährt aufgrund der langen Zeit von fast zwei Stunden recht langweilig geworden, hätte ich am Schluss, als die Insel mehr und mehr Form preisgab, nicht das Fernglas herausgeholt, welches mein Vater mir vor der Reise mitgab. Dieses lockte einen Ecuadorianer an, der mithilfe meines Fernglases einen Pfad hinauf zum Berg finden wollte. Die Götter würden ihn dort erwarten. Wir erzählten uns unsere Geschichten und verstanden uns zumindest so gut, dass wir ausmachten, uns im Hafen der Insel zu treffen. Eine Begegnung, die mein folgendes Inselleben stark beeinflussen würde…

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Kategorien: Vagabund mit Hund (SüdOstEuropaTrampen 2014) | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

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