Daniel Supertramp

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Ich war mir nicht so sicher, ob wir Lovech lebendig erreichen. Der kurze, alte Zug, mit seinen langen, durchgezogenen und gepolsterten Sitzgelegenheiten, schlängelte sich langsam durch die Felder. Draußen braute sich ein Unwetter zusammen, dass sich schnell zu einem ausgereiften Gewitter entwickelte. Es war zwar stockdunkel, doch die unaufhörlichen Blitze erhellten die Gegend ungemein. Die Passagiere schlossen die Fenster, und auch das Zugpersonal bestand darauf. So entwickelte sich schnell eine schwüle Luft, und die Fenster beschlugen. Sollte dies unser Ende sein? Gegrillt auf einem Luxussofa einer schwitzigen Sauna?

Nö.

Wir erreichten Lovech, und das Unwetter ließ die letzten Tropfen auf den Bahnhof nieseln. Wir wurden von einer zukünftigen Kollegin Dadas abgeholt. Nach einem Smalltalk und einer Taxifahrt musste ich erstmal an einer Ecke warten. Zwar war Spoon nur ein kleines Problem für den Taxifahrer, aber für den Vermieter Dadas stellte sie sicherlich ein Problem dar. Später durfte auch ich die Wohnung sehen. Auf den ersten Blick ein Labyrinth, versteckt hinter einer doppelten Tür. Öffnet man die Wohnungstür in Eile, rast man direkt in die nächste Tür. Es hat aber auch andere Highlights zu bieten. Da wäre die Küche ohne Herd. Da gibt es aber zwei Herdplatten (sinnvollerweise nur einzeln nutzbar!) auf einer Mikrowelle in einem kleinen Nebenraum, welcher wie ein heikel befestigter Balkon nur mit einer rostigen Metalplatte vom sicheren Falltod getrennt ist. Ohne Ironie, ich freue mich auf meine Rückkehr!

Lovech hat aber auch anderes zu bieten. Da gibt es einen Pool, und schöne Stellen am Fluss, eine Kletterwand, und und und. Später sollte ich von Dada erfahren, dass sie sehr zufrieden sei. Die Institution, die ich am Folgetag besuchte, ist sehr schön und die Mitarbeiterinnen sehr nett. Dada wird ein Atelier für ihre Projektarbeit nutzen können, und obwohl die Kommunikation mit den Kindern und Jugendlichen schwer ist, findet sie Anklang.

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Am zweiten Tag in Lovech brachte ich Dada zur Arbeit. Nach einem gebührenden Abschied machte ich mich auf den Weg. Es war seltsam, wieder auf der Straße zu sein, doch mit dem Ziel, Griechenland zu erreichen, war ich nicht ganz verloren. Ich folgte einem schmalen Weg, hinaus aus der Stadt, die sich in einem Tal zu meiner Linken erstreckte, während zu meiner Rechten die Felswand hoch hinauf ragte.

Ich fand die perfekte Tramperposition. Trotzdem musste ich eineinhalb Stunden warten. Bekackte Scheiße. Wie gut, dass ich den MP3-Player von Dada hatte. Naja, spanische Musik. Ich verstand kein Wort und die Musik war mir zu soft. Bei nächster Gelegenheit sollte ich das ändern. Es hielt ein junger Mann aus Lovech an. Wir verstanden uns gut. So gut, dass wir uns nach meiner Rückkehr wohl wiedersehen werden. Außerdem gab er mir eine Visitenkarte eines Freundes, der ein Gasthaus leitet. Vielleicht eine Möglichkeit, später ein bisschen Geld zu machen? Wir werden sehen.

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Er hatte einen Termin um 13 Uhr. Trotzdem fuhr er mich noch den Berg hinauf, zu einem Restaurant. Eigentlich ein guter Platz zum Weitertrampen. Ich machte eine kleine Pause und genoss die Aussicht. Hoffentlich nur ein Vorgeschmack auf Griechenland. Das Wetter war schön. Trotzdem, kein Nickerchen! Lieber stand ich weitere sieben Stunden in der prallen Sonne und hielt den Daumen in den Wind.

Ja, sieben Stunden. Mein neuer Rekord. Zweimal hielt ein Auto an, aber Spoon war nicht willkommen. Aber es ließ sich trotzdem aushalten! Zur Not hätte ich eine super Stelle für mein Zelt, und die junge Kellnerin gab mir Hühnersuppe auf’s Haus, und auch Spoon bekam etwas ab… und konnte die ganze Zeit im Schatten dösen. Nach sieben Stunden erbarmte sich dann doch ein älterer Mann, mich und Spoon über die Berge mitzunehmen. Diese Mauer war damit überwunden. Sollte ich es damit gut sein lassen?

Die Sonne ging bereits unter, aber wohl fühlte ich mich in dem Dorf nicht. Ich wollte weiter. Also ging ich weiter. Zu Fuß, zum Rand der Ortschaft. Dort nahm mich schon nach kurzer Zeit ein junges Paar mit. Sie, zierlich, schwarzes Haar, irgendwie rockig. Er, groß, muskulös, tätowiert und kahlköpfig. Bart. Cool. Sie brachten mich bis zum Rand des nächsten Dorfes. Dort ging ich weiter und fand eine Stelle für mein Zelt. Ich zögerte. Nein, es war noch zu früh. Ich versuchte es weiter. Ein Roma hielt mit seinem rostigen Kleinwagen an. Ich schaute zu Spoon, aber sie schien entgegen ihrer rassistischen Prinzipien keinerlei Probleme zu haben. Im Gegenteil, sie sprang ins Auto und freut sich. Ich auch. Der zahnlose, schmutzige Typ brachte mich bis nach Karlovo, direkt vor’s Bahnhofgebäude. Perfekt! Er gab mir noch eine Handvoll Beeren mit. Ich sollte mehr mitnehmen, aber ich wollte meine Hosentaschen nicht füllen. Das versuchte ich ihm klarzumachen. Er versteht und zischt ab. Netter Kerl. Ich verschlang die Beeren und betrat die Bahnhofhalle. Groß, offen, aber warm und trocken. Ein idealer Platz nach solch einem Tag, und trotz der kläglichen Laute der offenbar obdachlosen und zweierlei umnachteten Roma konnte ich gut und tief schlafen. Ich auf der Bank, Spoon auf meiner Iso-Matte.

Am nächsten Morgen stand ich wieder an der Straße. Nur dreißig Minuten, bis ein tschechischer junger Priester mit seinem Bus anhält. Er erzählte mir von seiner Arbeit in einer Institution, die sich um Romakinder und ihre Bildung kümmert. Seine Geschichte erinnerte mich sehr an mein Freiwilligenjahr in Rumänien. Schade, dass er mich nur ein paar Kilometer mitnehmen konnte. An einer Tankstelle wartete ich zweieinhalb Stunden. Die Aussicht war wunderschön, und während den kleinen Regenschauern fand ich Unterschlupf bei der Tanke. Würde Spoon nass werden, könnte ich das Trampen ganz vergessen. (Für alle Tierfreunde: Jaaa, neben der Straße war eine große, wunderbare Wiese, wo ich und Spoon auch ein wenig Auslauf hatten.)

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Ein großer, schwarzer Wagen mit einem großen, langhaarigen Mann hielt an. Es stellte sich heraus, dass ich es mit einem ausgewachsenen Künstler zu tun hatte: Eugene Petrov. Hier seine „Etsy-Seite“. Ich kam kaum zu Wort. Aber das war in Ordnung. Er erzählte von der Kunst, seinem Leben, die er ihr zu Füßen wirft, von Anarchie und der Wichtigkeit, sein Talent zu finden und diesem zu folgen. Es besser zu machen, als andere. Und auf Nachfrage erzählt er mir von der Schwierigkeit neuer Künstler, denn viele andere werden Neulinge mit Missgunst betrachten, sollten die Newcomer besser sein.

Eugene erzählte mir auch von den vielen Wanderarbeitern, die gerade aus Deutschland zurück nach Griechenland, aber vor allem in die Türkei fahren. Super! Dann wäre das Weitertrampen doch kein Problem! Ich freute mich, und auf Grund der vielen deutschen Touristen schrieb ich mir ein fettes „Moin“ auf den nackten Tramparm. Ein Wort, dass mich für Ausländer nicht direkt als Deutscher identifizieren lässt, mich aber für Insider ein willkommener Gast sein lässt. Welch ein genialer Schachzug.

Ich sollte mich auf dem Highway postieren. An sich keine schlechte Idee, denn der Seitenstreifen war breit genug. Und tatsächlich, nach wenigen Minuten hielt ein Transporter an… und direkt hinter ihm die Polizei. Scheiße. Sie ließ den Transporter weiterziehen, doch mich löcherten sie mit Fragen. Pass, was mache ich hier, und wieso denke ich, dass ich hier stehen darf, wäre es denn in Deutschland erlaubt, was soll denn das da auf dem Arm bedeuten und ist das ein Rucksack für einen Hund und der Typ hätte auch fünf Hunde. Ich war verwirrt. Wieso spricht er über seine Hunde? Ich kam zur Sache und fragte, was jetzt passieren wird. Keine konkrete Antwort. Ich ging auf’s Ganze und fragte, ob die Polizei mich nicht mitnehmen könnte. Sie müssten mich dafür verhaften. Kein Problem! Sie könnten mich verhaften und in der nächsten Stadt freilassen.

Keine Chance. Ich sagte, dass ich jetzt einfach die Autobahnausfahrt heruntergehen werde. Das sei okay, und ich ging. Seltsame Typen.

Ich war etwas verzweifelt, denn hier unten fuhren kaum Autos die Autobahneinfahrt hinauf. Sollte ich zurückgehen? Besser nicht. Meine Zweifel ließen die folgende Viertelstunde lang erscheinen, bevor mich ein netter Mann mitnahm. Nur ein paar Kilometer bis zur Autobahnausfahrt nach Karlovo. Schade, denn er sprach gutes Englisch und schien sehr nett. Er gab mir außerdem eine große Karte Bulgariens mit, die noch sehr hilfreich werden sollte, denn der nördliche Zipfel Griechenlands ist ebenfalls skizziert.

(Hier noch ein paar Bilder aus Lovech:)

Nach einer halben Stunde hielt das nächste Auto an. Wegen der Sprachbarriere sprach ich kein Wort mit dem Glatzkopf. Er brachte mich ans andere Ende Karlovos, wo ich weitere dreißig Minuten stehen sollte, bevor ein junger Mann anhielt, mit dem ich Tetris spielen musste, um sein Auto neu zu organisieren um Platz für mein Gepäck, Spoon und mich zu schaffen. Er brachte mich zu irgendeinem Dorf, wo ich einige Zeit wartete. Zwei von drei Autos trugen ein deutsches Kennzeichen. So geht es Tage in dieser Zeit.

Keines hielt an. Kein Wunder, denn sie waren allesamt vollgestopft mit Gepäck, gestylten Kerlen und vermummten Frauen. Ich ließ mein geliebtes „Moin“ mit meinem Schweiß verschwinden. Ein Kinderspiel. Dann hält ein Transporter an, ein Roma. Nicht der vom Vortag, aber ebenso nett. Irgendwie schafften wir es, uns trotz Sprachbarriere zu verständigen. Es gab nur ein anderes Problem, an das ich mich noch gewöhnen werden muss. Kopfschütteln und Nicken bedeuten in Bulgarien nämlich genau das Gegenteil. So deutete ich ihm am Ende, dass ich tatsächlich gerne ein paar seiner Zigaretten haben möchte, und ließ ihn dann mit eben diesen weiterziehen.

Nun stand ich am Rande Haskovos. Vor mir die einzige Straße dieser Richtung nach Svelingrad, die letzte Stadt vor den Checkpoints in die Türkei und nach Griechenland. Ich war müde, aber motiviert noch heute hinter Griechenlands Grenze zu übernachten. Aber niemand hielt an. Ich fühlte mich schlecht, und das Wasser ging zur Neige. Mit ein paar Tropfen ab und an hielt ich meinen Mund feucht, doch nach drei Stunden, von denen ich zweimal eine halbe Stunde schlief, war’s dann so weit. Es war 19 Uhr. Kein Wasser, kein Essen. Ich füttere Spoon mit der letzten Dose und würde danach einen Supermarkt aufsuchen und dann auf den großen Wiesen drumherum zelten. Während Spoon aß hielt ich noch ein letztes Mal den Daumen raus.

Ein Auto hielt an. Ich kann es kaum fassen.

Ein großer Mann mit kahlrasiertem Kopf saß im Auto, und hatte auch kein Problem mit Spoon. Wir unterhielten uns, und er erzählte mir von seiner rasanten Vergangenheit. Er entschloss als Jugendlicher, Millionär zu werden. Also wurde er Millionär. Vor ein paar Jahren war es dann soweit. Er verlor alles, die Bank nahm sein Haus und sein Gehirn explodierte.

Er überlebte, und lässt nun alles langsam angehen. Er folgt nicht mehr nur dem Geld, er genießt das Leben, fing wieder seine Kampfkunst an, reiste zweimal für diese nach Japan und folgt seinen Projekten hier und da. Er lebt in einer Stadt nahe Lovech, lebte aber momentan bei seiner Mutter, um im nahen Wald eine Straße zu bauen. Für den Brandschutz. Er lud mich zum Haus seiner Mutter ein, wo auch seine Frau sei. Wir könnten gemütlich essen, vielleicht was trinken, aber erstmal müsste er zu Lidl. Ich auch! Aus Sorge, Spoons Halsband könnte geklaut werden, bezahlte er zwei Romakinder um auf Spoon aufzupassen. Dann gab er mir ein Eis aus. Cooler Typ.

Ich entschied mich, seiner Einladung zu folgen und hatte ein super Abend mit ihm, seiner Frau, seiner Mutter, seinem Kollegen und seinem Onkel, der zum Salat und Grillgut selbstgebrannten Schnaps und Wein anbot. Und das alles unter Walnuss- und Weintraubenbäumen, dessen Trauben über unseren Köpfen hing. Und Spoon konnte sich frei im Garten vergnügen. Wie sehr würde Dada diesen Garten lieben, dachte ich.

Um 1:30 Uhr ging ich schlafen. Der Wecker klingelte um sechs.

Als ich am nächsten Morgen das Haus verließ, saß bereits der Kollege vom Vorabend im Garten und wartete auf den Hausherren. Ich mag diese Leichtigkeit und Freiheit, die sich diese Leute nehmen. Damals, so erzählten sie mir am Vorabend, seien alle Türen offen gewesen. Das war zu der Zeit, bevor die Roma ankamen, dessen Kultur sich nun „wie ein Schatten über die Dörfer legt“. Nun sind sogar Gitter vor den Fenstern. Die passende Geschichte dazu durfte ich mir auch anhören. Es ist schade, dass die Roma ihren Stereotypen so oft so sehr entsprechen.

Ich duschte in dem kleinen Gartenhaus, welches eine zweite Küche, die Dusche mit Toilette und einen weiteren Raum beherbergte. Der Mann, der das Badezimmer renovierte, sollte für seine Leistung sterben, meinte mein Gastgeber. Seine Mutter meinte damals, dass es nicht nötig sei, denn er sei bereits tot.

Das Frühstück war unglaublich! Traditionelles Gebäck mit Käsefüllung, selbstgemachter Vanillepudding, selbstgemachter, natürlicher Joghurt. Ich war voll, musste aber alles brav aufessen. Das Frühstück wurde zelebriert. Das sei hier immer so, meinten sie. Ich denke an meine Zeit in Hamburg, in der ich übermüdet aufwachte, duschte, Zähne putzte, mich ankleidete und das Haus ohne Frühstück verließ, nur um in der U-Bahn einzuschlafen. Hier beendeten wir das Frühstück um zehn Uhr.

Bevor wir das Dorf verließen um mich zum Checkpoint zu bringen, begleitete ich meinen Gastgeber ins Dorfzentrum, wo er mit einem weiteren Kollegen über sein Projekt sprach. Irgendwas mit einem Bagger, oder so. Dann hieß es, Abschied zu nehmen. Aber wir, Spoon, Dada und ich, seien immer willkommen, und vielleicht komme ich auf meinem Rückweg ja wieder vorbei. Schön wäre es!

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Kategorien: Vagabund mit Hund (SüdOstEuropaTrampen 2014) | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

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