Das Leben in Slobozia

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Dada ist angekommen, und nach einem schönen, ersten Tag stürzen wir uns auf die Arbeit. Obwohl wir für die selbe Organisation und mit den selben Kindern wie in unserem gemeinsamen europäischen Freiwilligenjahr arbeiten, scheint dieses Mal alles besser. Es ist ein privates Projekt, und Dada kann es gestalten, wie sie möchte, und arbeiten, wie und wann sie möchte. Und da sie eine eifrige Dame mit Visionen ist, arbeiten wir viel – sehr viel. Oft ist es anstrengend, und die Hitze macht es nicht einfacher. Aber wir wissen, wofür wir es tun, und die Dankbarkeit und Liebe der Kinder ist buchstäblich umwerfend.

Deshalb, und weil wir durch unerwartete Komplikationen (wie zum Beispiel einiger neuer und besonders junger Kinder) viel Zeit mit ungeplanten Vorbereitungen verlieren, verbringen wir auch in unserer Freizeit Zeit mit den Kindern. So gehen wir mit ihnen zum Park oder besuchen sie in Amara, wo einige von ihnen in den ersten Tagen unserer Anwesenheit eine Ferienfahrt verbringen, um sich Tag für Tag am Strand von der Sonne braten zu lassen. Selten sah ich solch rote und später abpellende Kinderrücken.
Es sind aber wie immer die kleinen Dinge, die das Leben noch schöner machen: Zusammen mit Dada auf dem Bett liegen, weniger gesundes aber dafür umso leckereres Essen vertilgen und paar Folgen irgendeiner Serie glotzen. Oder mit ihr in Amara labbrige Pommes mit super Micis (das rumänische Äquivalent zu „unseren“ Cevapcicis) essen, über Dinge philosophieren oder einfach nur ihren Überlegungen zuzuhören, neue Orte zu erkunden oder ihr dabei zuzuschauen, wie sie irgendwelche Straßenhunde verwöhnt.

Wir treffen aber auch alte Freunde wieder, alte Kollegen und uns bekannte Straßenhunde. Für uns ist Slobozia mittlerweile zu einer zweiten Heimat geworden. Und nebenbei: Ich fühle mich nachts auf den Straßen, wie auch im Vorjahr, sicherer als in Lüneburg und Hamburg.

Was ich nicht fühlte, war dasselbe Gefühl, das ich erwartete, als ich nach einem Jahr zurück nach Lüneburg kam und nicht eintrat: Ein nostalgisches Gefühl. Ich vermisste es abermals, obwohl ich an jeder Ecke alte Erinnerungen hervorrufen konnte. Ich war aber auch überrascht, viel Neues in der Stadt zu finden, wie zum Beispiel einen komplett neu restaurierten Platz nahe des Bahnhofs, mit neuem Design für den Springbrunnen und neuer Organisation des Ampel- und Kreuzungssystems. Aber trotzdem: Am Ende fühlte es sich an, als wäre ich nie fort gewesen. Das verstärkt das wohlige, heimische Gefühl, lässt aber das Besondere missen, wenn man durch die Straßen streift.

Doch einige besondere Situationen will ich euch nicht vorenthalten: Wir pflegten eine sehr vertrauenswürdige Beziehung mit einer Nachbarin. Es war eine dieser Beziehungen, die nicht viel Worte brauchte, und die einem ein willkommenes Gefühl bringt, wenn man sich gegenseitig ein Lächeln zuwirft. Dada und ich freuten uns über ihre Geduld und Warmherzigkeit, die sie uns entgegenbrachte, und sie freute sich über unser Engagement und Sympathie für diese kleine, rumänische Stadt, und dass wir so nette und vorallem ruhige Nachbarn waren. Außerdem glauben wir verstanden zu haben, dass ich sie an ihren verstorbenen Sohn erinnere.

(Ein paar Impressionen Slobozias vom europäischen Freiwilligenjahr:)

Da waren aber auch Begegnungen, denen ich lieber aus dem Weg gegangen wäre. Letztes Jahr sprach mich ein tätowierter, zahnloser Roma an, der mir erzählte, er wäre wenige Jahre in Österreich als Servicekraft sexueller Dienste einer älteren Dame tätig gewesen. Damals hielt er uns öfter auf, wollte uns in Gespräche verwickeln und um Geld bitten. Einst kauften wir ein paar Nahrungsmittel für seine abgewrackte, hochschwangere Freundin, aber in diesem Monat gaben wir ihm zu verstehen, nicht sonderlich an Konversationen interessiert zu sein. So blieb es bei einem freundlichen Gruß, bevor er, high und betrunken, von seinem Kumpel weitergeschliffen wurde.

Das war nicht der einzige, betrunkene Kerl, den wir trafen. An einem schönen, sonnigen Tag machten Dada, Spoon und ich einen Ausflug zum Fluß, der die Stadt passiert und ab und zu seine stinkige Brise ins Stadtgeschehen weht. Um dort hinzugelangen, muss man eine schmale Brücke passieren, die hauptsächlich für Züge gebaut wurde, aber auch einen schmalen, rustikalen Pfad für Fußgänger bietet. Ein idealer Ort für Menschen mit Höhenangst und Ambition, diese zu überwinden.
Schäfer und Angler schliefen im Schatten der Bäume auf der anderen Seite. Einer der Angler hatte einen Hund bei sich. Ich dachte, es sei eine gute Idee, Spoon freizulassen, denn ein weiterer Hund für’s Herumtollen würde sie nicht auf dumme Gedanken bringen, einfach abzuhauen. Sie haute nicht ab. Herumtollen wollten die zwei jedoch auch nicht. Der kleine Hund verteidigte sein Revier, doch hatte zuviel Respekt vor Spoon, die ihm weit überlegen war. Er wich zum Fluss zurück, welcher nur über einen Hang von etwa einem halben Meter zu erreichen war. Genug, um für unsere Hunde gefährlich zu werden. Besonders mit der starken Strömung, die die braune, undurchsichtige Masse rasant an uns vorbei schub.
Spoon hatte wohl ähnliche Gedanken, und war des Bellens des Kleineren Leid. Mit einem raschen Hopser in seine Richtung und einem einzigen tiefen, respekteinflößenden Bellen erschrak sie den Kleinen so sehr, dass er seinen Halt verlor und chancenlos den Hang hinunterpurzelte.

Dada und ich waren besorgt um den Kleinen. Spoon war es egal. Und auch seinem Besitzer, der die Szenerie im schwummrigen Zustand seines Suffs verfolgte, schien eher an uns interessiert zu sein, und versuchte lallend uns irgendetwas zu erklären. Letztendlich stand er auf und rief seinem Hund, der mittlerweile zwanzig Meter weiter und zur Mitte des Flusses gerissen wurde, motivierende Laute zu.
Am Ende verschwand der Kleine im Schatten des anderen Ufers, das ebenfalls steil hinauf ragte. Eigentlich machbar für einen Hund, doch da wir nichts mehr erkennen konnten, waren wir, und besonders Dada, besorgt… und schuldig. Hatten wir gerade einen Hund umgebracht?!

(Und ja, ich sah die letzten zwei Spiele der deutschen Nationalmannschaft in der Weltmeisterschaft. Brutal!)

Der Monat in Slobozia gibt aber auch einige persönliche Veränderungen her. Mit Dadas Hilfe dachte ich viel über die vergangenen zwei Monate nach. Es waren sehr rasante Monate mit abgefahrenen Erfahrungen und Personen, und ich möchte all das nicht missen. Trotzdem wird meine Reise von dem Fakt getrübt, dass ich all die Ziele, die ich mir für diese Reise setzte, nicht angepackt habe! Ich wollte meine Reisegitarre benutzen, Lieder lernen und mein einstiges Fingergeschick wiedererlangen und ausbauen. Ich wollte die Länder, die ich bereiste, bis auf den Grund kennenlernen, doch ich bin wie ein Verrückter durch die Länder gerast, und mich von den Personen leiten lassen, die ich traf, ohne auf mein eigenes Bauchgefühl oder meine Skepsis hören zu wollen. Es war zu leicht, sich einfach treiben zu lassen. Das ist ein Lebensstil, der viele Vorteile hat. Sich einfach treiben lassen, den Moment genießen und nicht an die Zukunft zu denken. Ich denke, jeder sollte fähig sein, ab und an so zu leben, und sei es auch nur, in ein Lied abzutauchen und alles rundherum zu vergessen, oder für eine Woche oder sogar für ein Jahr einfach nur das zu tun, was einem gerade beliebt. Aber absolut reflektiert, und wenn man einen Plan für die Zeit danach hat.
Mit meinen Ambitionen stellt dieser Lebensstil momentan ein Gegensatz dar. Das habe ich für mich herausgefunden.
Ich wollte kreativ sein, an meinen Fotografie-Kenntnissen arbeiten und wieder anfangen, aktiv zu zeichnen. Bis auf einen einseitigen Comic in Budapest kam jedoch nichts heraus.

In Slobozia ging ich tief in mich und dachte über meine Ziele im Leben nach. Über das, was ich wirklich will und wie ich es erreichen kann, und wieso ich sie bisher nicht verfolgt habe. Ich ging hart mit mir ins Gericht und zeigte keine Gnade. Ich stellte mir schriftlich Fragen, und stellte meine Antworten solange mit „Warum?“ in Frage, bis es kein „Warum“ mehr gab. Es war schwer, ehrlich zu sich selbst zu sein und sich nicht in Ausreden zu verflüchtigen, wie ich es bis jetzt oft tat.

Ich erarbeitete den Plan, nach diesem Monat Dada nach Lovech, Bulgarien, zu begleiten. Hier wird sie sechs Monate lang im Rahmen eines „Internships“, einer Art bezahlten Praktikums, für eine soziale Institution mit verschiedenen Jugendlichen arbeiten. Ich werde ein, zwei Nächte dort verbringen und danach gen Süden trampen, durch ganz Bulgarien nach Griechenland. Da Dada im September für eine Woche nach Spanien reisen wird, werde ich bis Mitte September in Griechenland sein und versuchen, alles „besser zu machen“, und meine Reise so zu erleben, wie ich es einst geplant habe: Entspannt, kreativ und die Kultur erkundend.

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Und so geschah es dann auch. Nach einer Abschlussfeier mit den Kids stiegen wir am folgenden Morgen in den Zug und erreichten fast vierzehn Stunden und etwa 350 Kilometer später unsere neue Heimat bis Januar: Lovech.

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Kategorien: Vagabund mit Hund (SüdOstEuropaTrampen 2014), Vagabund mit Hund (StädteFotografie) | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

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