Der Penner von Gara de Nord – von Bukarest nach Slobozia

Gara de Nord

Ich bin in Lüneburg aufgewachsen.
Natürlich gibt es dort Obdachlose.
Trotzdem gehörten sie nie zur Normalität. Ich erinnere mich gut an den schlecht rasierten, schmutzigen Alten mit blonden, verfilzten Haaren, gekleidet in punkiger, kaputter Kluft. Jeden Tag auf dem Weg zur Berufsschule sah ich ihn in der Katzenstraße sitzen, zwischen ’nem alternativen Szeneschuppen und ’nem Jugendtreff im historischen Gebäude der ehemaligen Musikschule. Manchmal traf mich sein müder Blick, und ich hielt ihm stand. Ich wusste nicht, wieso es mir so leicht fiel. Ich weiß es immer noch nicht. Aber ich weiß, das bewusstes Wegschauen nur wenig besser als ein verachtenswerter Blick ist.
Eines Abends begegnete ich ihm in meiner Stammkneipe. Selber Look, selber Blick. Hier fiel er nicht auf. Nur das elegante, stets neu gefüllte Weinglas, vereint mit seinen schmutzigen, kaputten Fingernägeln, wirkte befremdlich. Ich nickte ihm zu, und er antwortete lallend.
(Titelfoto von Panoramio|Google Maps)

Später, während meinem Jahr in Rumänien, den Reisen in den Nachbarländern, meinen Großstadtmonaten in Hamburg und schließlich auf meiner jetzigen Reise, bekam diese Gruppe von Menschen mehr Bedeutung in meinem Leben, denn sie war überall. Und mit ihr wuchs eine Art Gefühl der verständnisvollen Resignation. Vielleicht hatte ich deshalb keinen inneren Konflikt, als sich ein augenscheinlich verwirrter, vielleicht betrunkener Obdachloser hinter mir Platz nahm – Rücken und Rücken nur getrennt von zwei schmalen Plastiklehnen.

Er redete mit seinem Einkaufsbeutel. Ganz klar, er war geistig umnachtet. Wahrscheinlich hatte er seit Jahren niemanden, mit dem er reden konnte. Oder zumindest niemanden, der ihm die Aufmerksamkeit gab, die er brauchte.
Wir saßen auf den typischen Bahnhofsbänken, die aus zwei mit dem Rücken aneinander sortierten Reihen von fünf Einzelsitzen bestanden. Ich aß auf der einen Seite, er aß auf der anderen. Die wenigen Wortfetzen, die ich verstehen konnte, verfestigten meine Theorie. Er sprach definitiv mit seinem Beutel. Mir war dieser Mann allemal lieber, als diese Art von Menschen, die einem nie wissen lassen, ob sie einen respektieren oder einem gleich an die Gurgel springen.

Als ich mich auf meiner Seite der Bank lang machte und gelangweilt an meiner letzten Lauchzwiebel kaute und darüber sinnierte, ob mich diese Zwiebel die nächsten vier Stunden wach halten würde, wurde Spoon aufmerksam. Ich hatte den alten Mann stets im Blickwinkel, und auch ich sah, was plötzlich vor sich ging. Der Alte öffnete seinen Beutel. Ich musste breit grinsen, denn was ich sah, änderte alles. Plötzlich war der Alte kein verwirrter, betrunkener Obdachloser, sondern ein vielleicht betrunkener Obdachloser mit großem Herz.

Er transportierte einen Bündel Wäsche in seinem Einkaufsbeutel, und auf diesem Bündel hatte es sich ein kleiner, schwarzer Hundewelpe gemütlich gemacht.

Hund in Gara de Nord, Bukarest

Spoon wechselte die Seite und versuchte, sich dem Kleinen zu nähern, doch die Leine war gerade lang genug, um zwischen den Beinen des Alten Halt zu machen. So kamen wir ins Gespräch. Er erzählte mir, dass er den Welpen erst heute fand. Mit pantomimischer Glanzleistung und lustiger Mimik gab er mir zu verstehen, dass er einem grausigen Geheule folgte, welches vom verlassenen Welpen stammte. Er klagte über Rumänien und die Bewohner, die Politik, die Korruption und das fehlende Geld. Gerade jetzt sei er auf dem Weg nach Hause, zu seiner Familie, in einem kleinen Ort nahe Bukarest. Dann schlief er, gebeugt über seinemBeutel, ein, den Hund an seinem Herzen in seiner Innentasche. Und auch ich schlief ein, gewiss, dass Spoon auf uns aufpassen wird.

Um drei Uhr wachte ich auf. Eine Stunde bevor mein Zug eintreffen würde. Ich wechselte zur Bank am richtigen Gleis und beobachtete ein verwahrlostes Roma-Pärchen mit dessen Sohn, während ich Spoon von den Personen fernhielt, die sich ebenfalls langsam einfanden. Wie viele andere Straßenhunde Rumäniens hat sie eine Abneigung gegen das hier so gehasste „Zigeunerpack“.

Im Zug wurde ich direkt angesprochen. „Hey my friend!“, eine Einladung zum Nachbarsitz. Ich lächelte und schüttelte den Kopf sachte, bevor ich im oberen Teil des Waggons Platz nahm. Ich war alleine, es war warm und gemütlich. Nur von unten schall das ununterbrochene Gelaber der anderen Passagiere hoch. Ich erinnerte mich an meine Busfahrt von Slobozia nach Dortmund. Jede Nacht bekamen die Wanderarbeiter einen Energieschub, der mir den Schlaf raubte. Damals tranken sie Fanta mit Instant-Kaffeepulver. Trotzdem, heute war ich zu müde, um von ihnen wach gehalten zu werden.

Fünf Stunden später kam ich in Slobozia an. Es hatte sich einiges am Bahnhof getan. Ich fühlte mich wie damals, als ich nach einem Jahr Rumänien zurück nach Lüneburg kam. Ich erwartete ein nostalgisches Gefühl, aber vergeblich. Es war, als sei ich nie fort gewesen. Alles nahm seinen Gang, und ich kannte meinen Weg. Dieser führte mich direkt zur Direktion, die in meinem Freiwilligendienst als Host Organisation zuständig war. Und da war ich plötzlich. Ich klopfte an der Tür von Cristina, eine unserer Kontaktpersonen, und öffnete die Tür. „Tadaaa!“

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„You forgot all your romanian!“, „Oh, your romanian is very good!“, „Wait here, I will ask for the keys.“, das sind die Sätze, an die ich mich erinnere. Ich fühlte mich direkt willkommen, und die Frauen der Direktion gaben ihr Bestes, damit ich mich wohl fühlen würde. Mein Plan, erstmal ein Nickerchen zu machen, wurde nichts. Mein erstes Werk war das Bauen eines Bettes für Dada und mich. Das Gästezimmer der Direktion hat fünf Betten. Ich verfrachtete vier von ihnen aufrecht in eine Ecke und nutzte sechs der sieben Matratzen, um ein riesiges Bett aufzuhäufen. Für dieses Bett musste sogar die Dusche warten. Das übrig gebliebene Bett wird als Ablage genutzt, und als Höhle für Spoon. Um zwölf Uhr traf ich Manuela, meine persönliche Lieblingsfrau Slobozias. Ich kann täglich um 12 Uhr bei ihr aufschlagen, um mir meinen Wanst vollzuschlagen. Später traf ich Valentin und Tibi, meine ehemaligen Kollegen. Ich bin froh, hier zu sein, froh, Privatsphäre genießen zu können und froh, einfach nichts machen zu müssen.

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Bis zu Dadas Ankunft verlasse ich meine Höhle nur, um zweimal täglich von Manuela oder der Kantine der Direktion vollgestopft zu werden. Was für ein Leben. (Foto: Ein herzlicher Gruß an Dada)

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Kategorien: Vagabund mit Hund (SüdOstEuropaTrampen 2014) | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

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