Sibiu, Rettung in letzter Minute

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In Rumäniens Städten gibt es oft Hitchhiker Hotspots, von denen die Tramper und die Autofahrer wissen. Da es in Rumänien üblich ist, dem Fahrer eine kleine Unsumme für seine gute Tat zu geben, ist es recht leicht, mitgenommen zu werden. Mit großem Rucksack ist es immernoch kein Problem, doch mit einem Hund hast du hier die absolute Arschkarte gezogen.

* (Die folgenden Fotos stammen aus der Zeit meines Europäischen Freiwilligendienstes.)

Ich weiß nicht, wieviele Stunden ich den Trampern beim Ankommen und Mitgenommenwerden zusah, doch am Ende war auch ich einer der Glücklichen! Ein junger Mann einer Autovermietung nahm mich mit. Er fuhr gerade ein Auto von Cluj nach Sibiu, wo er es austauschen wird, um mit einem anderen Auto zurück in seine Heimatstadt zu fahren. Deshalb durfte das Auto nicht schmutzig und mit Hundehaaren verunstaltet werden, weshalb Spoon in den Kofferraum musste, der jedoch zur Passagierkabine hin offen war. Trotzdem schlossen wir eine lockere Abdeckung über ihrem Kopf, da sie unbedingt auf die Rückbank wollte. Dreimal schaffte sie es, die Abdeckung zu umgehen, weshalb wir dreimal anhalten mussten, bevor wir in Sibiu angekommen waren.

Ich kannte mich bereits in Sibiu aus, und lernte auf meiner damaligen Reise mit den Mädels vom EVS drei junge Männer kennen. Da gab es den Partykönig, den Künstler und den Gentleman. Ich erhoffte mir, einen von ihnen per WiFi kontaktieren zu können. Auf dem Weg vom Parkplatz zum Zentrum sprach mich ein Obdachloser auf rumänisch an: „Welche Rasse?“, eine Frage, die ich in Rumänien andauernd höre. Ich antworte einigermaßen geduldig: „Belgischer Schäferhund-Mix.“, doch es blieb nicht dabei. Der grauhaarige, hagere Mann mit der runden, zerkratzten Brille fragte mich, woher ich komme. Es stellte sich heraus, dass er deutsch spricht und unser Gespräch wurd tiefsinniger. Er erzählte von seiner Tochter, die in Deutschland arbeitet und ihn jedes Jahr besuchen kommt. Er selbst findet keine Arbeit. Er sei zu alt und keiner würde ihn einstellen. Er lebt auf der Straße und schläft in den Parks. Obwohl es tagsüber sehr warm ist, seien die Nächte noch kalt. Ich stimmte zu, denn auch ich, mit Zelt, Schlafsack und Hund, spüre die Kälte. Der Mann berichtet mir von dem Deutschen Forum und der evangelischen Kirche, wo ich als Deutscher eventuell Unterschlupf gewährt bekäme. Ich schließe diese Möglichkeit als Notlösung nicht aus und stelle mir eine Nacht in einer Kirche für meinen persönlichen Erfahrungsschatz sehr wertvoll vor. Doch ich wollte noch nach anderen Möglichkeiten Ausschau halten. So musste ich mich beeilen, denn die Sonne stand schon tief. Ich bedanke mich für seinen Rat, gebe ihm meine letzten Nahrungsvorräte und verabschiedete mich.

Piata Mare, Sibiu

Mein erstes Ziel war der Supermarkt. Ich war sehr hungrig. So kaufte ich mir Obst, Brot, Aufschnitt und Kakao, während Spoon vor dem Supermarkt von einer Frau mit wirr glänzenden Augen unterhalten wurde, bevor Spoon sich am überfüllten Mülleimer zu schaffen machte. Bevor ich nach einem Park für mein Abendessen suchte, besuchte ich das Deutsche Forum, welches aus drei Büros besteht. Hilfreich war der dort arbeitende Herr aber nicht. Dieser fand die Idee, dort nach einer Übernachtungsmöglichkeit zu fragen, scheinbar recht abwegig, meinte aber auch, dass man es ruhig bei irgendeinem zur Kirche gehörenden Haus nebenan versuchen könnte. Dort schien aber niemand zu sein. Das war aber auch in Ordnung, denn ich war mittlerweile so hungrig, dass mir alles andere egal war. In dem Moment sprach mich ein Junge an, fragte nach meinem Hund und nach Geld. Ich sagte ihm, dass ich nicht viel Geld hätte, aber er könne die Banane haben, die ich eben kaufte. Er nahm sie dankbar an und lief seinen Freunden hinterher. In dem kleinen Park, den ich für mein Abendessen aussuchte, spielten weitere Kinder, spielend und kreischend. Ich hielt mich von ihnen fern, denn ich wollte nicht vor ihnen Essen, oder von irgendwem angesprochen werden. Für heute hatte ich genug von aufgezwungenen Unterhaltungen.

Später fragte ich die Bars am zentralen, großen Platz nach WiFi und der Erlaubnis, Hunde mit hineinzunehmen. Keine Chance, so suchte ich die Art Bar auf, unterirdisch in einer der nahen Hinterhöfe. Damals besuchten meine Begleiterinnen und ich einen Vortrag über Fotografie von einem französischen Fotografen mit wirrem, weißem Haar und lustigen Akzent in dieser fensterlosen Bar mit vollgeschmierten und -bemalten Wänden. Heute war sie allerdings leer. Bis zur Schließung der Bar hatte ich eineinhalb Stunden Zeit, nach günstigen Hostels oder Gastgebern bei Couchsurfing zu suchen.

Absolut vergeblich, und auch von den drei Bekannten vom letzten Jahr meldete sich nur einer, der aber erst zwei Tage später in Sibiu sein würde. Und die Hostels sind mit 50 Lei, also circa zwölf Euro zu teuer. Kurz vor Mitternacht kam ein Freund des Barkeepers herein. Haarknoten und schnörkeliger Schnurrbart. Ich packte meine Sachen, bezahlte und fragte die beiden hoffnungsvoll, ob sie nicht zufällig bei Couchsurfing wären. Hier in Sibiu, und überhaupt in Transilvanien, sprechen viele der jungen Menschen englisch. Sie verneinten, erkannten aber mein Problem. Sofort zog der Neue sein Handy und versuchte, seine Freunde zu kontaktieren. Ich freute mich! Doch leider erreichte er nur einen Freund, der zu der Zeit nicht in der Lage war, Gäste aufzunehmen. Wir verließen die Bar, und er bot mir an, mich zur Kirche am Piaţa Huet, dem kleinsten der drei zentralen, benachbarten Plätze, zu bringen und gegebenenfalls als Übersetzer dienlich zu sein. Er stellte sich als Andrei vor, Student an der Schauspielschule. Er spielt im Theater, aber auch ab und zu als Werwolf auf Mittelaltermärkten, wo er kleine Kinder erschreckt.

Plötzlich klingelte mein Handy. In meiner Not hatte ich meine Handynummer auf der öffentlichen Couchsurfer-Plattform für Sibiu hinterlassen. Ich bekam eine SMS von einem der von mir kontaktierten Personen, und ich könnte bei ihm die Nacht verbringen. Ich solle mich aber beeilen, denn er sei sehr müde. Abgefahren! So ein Glück – mal wieder! Andrei rief zurück, fragte nach dem Weg und brachte mich schließlich zu einem alten Bezirk am Rande des Zentrums.

Dort wartete mein Gastgeber bereits. Er stellte sich ebenfalls als Andrei vor. Wir verabschiedeten uns vom Schnurrbart-Andrei und ich wurde ins Haus hineingebeten. Gastgeber-Andrei ist Mitte dreißig und lebt mit seiner Mutter in ihrem kleinen, alten Haus. Andrei ist arbeitslos, sodass er viel Zeit hat. Diese verbringt er unter anderem mit seinem Hobby, nach vermissten Angehörigen irgendwelcher Leute aus dem Internet zu suchen – gratis. Außerdem hatte er in den letzten Monaten ununterbrochen Couchsurfer, die ihn auf der Homepage durchweg positiv bewerteten. Er wüsste nicht warum, denn er selbst beschreibt sich als depressive, ängstliche, negative Person mit chronischen Schmerzen im Kreuz, die ihn seit Jahrzehnten plagen.

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Von seiner Müdigkeit war keine Spur mehr zu erkennen. Ich selbst wurde aber müder und müder. Trotzdem unterhielten wir uns bis drei Uhr nachts. Er erzählte mir von seinen krassen Couchsurfer-Erfahrungen. Während meine Couchsurfer allesamt lieb und nett waren, hatte er wohl die krasseren Typen erwischt. Er berichtete von zwei junge Damen, die sich so sehr betranken, dass eine der beiden nachts ins Zimmer der Mutter wankte. Diese fragte, ob alles in Ordnung wäre und ob das Mädel auf Klo müsse. Eine Antwort erhielt sie nicht. Stattdessen wankte das Mädel zurück ins Bett, nur um wenige Minuten später von der Bettkante hinunter auf den Teppich zu pinkeln – direkt neben den Kopf von Andrei, der dort unten sein Bettlager aufgeschlagen hatte.

Ich jedoch schlief super und trocken. Am nächsten Morgen lernte ich seine Mutter kennen, die diesen Morgen von Spoon überrascht wurde, die im Wintergarten geschlafen hatte. Andreis Mutter bereitete uns Frühstück mit Spiegeleiern und Salat vor. Da Andrei bereits eine weitere Verabredung mit einer Couchsurferin im Zentrum hatte, mussten wir recht früh das Haus verlassen. Das war aber auch gut, denn auf mich wartete ein weiterer Tramptag.

Ich ging quer durch das Zentrum zum anderen Ende der Stadt. Hier gab es einen der Tramp-Hotspots, direkt vor Mc Donalds. Dieses Mal wollte ich keine fünf Stunden zuschauen, wie die anderen Tramper nach paar Minuten mitgenommen würden. Deshalb setzte ich mir ein Zeitlimit von zwei Stunden, bevor ich per Mc Donalds-WiFi nach Bussen und Zügen schaute. Nach Anfrage war Spoon jedoch in allen Bussen verboten. Der Zug hingegen würde um 20 Uhr kommen. So entschloss ich mich, bis 18 Uhr mein Glück zu versuchen – weitere zwei Stunden. Nach einem kleinen Snack für Spoon vom Kaufland nebenan gesellte ich mich also wieder zur Schlange der Tramper. Ich war gelassener, denn ich hatte einen Notfallplan. So blieb ich locker und beobachtete ein schmutziges, zerzaustes, vielleicht alkoholisiertes Roma-Pärchen, dass sich gegenseitig beschuldigte, der Grund zu sein, nicht mitgenommen zu werden.

Plötzlich sprach mich ein junger Mann an, der mir auf die Schulter klopfte. Er fragte mich, ob ich nach Bukarest wolle. Ich bejahte und er deutete auf ein Auto, etwa dreißig Meter entfernt an einer Ampel. Ich wog skeptisch den Kopf und deutete auf den großen Rucksack und Spoon, die hinter mir am Brückengeländer lagen und meinte, dass die zwei zu mir gehörten. Er meinte, das sei in Ordnung, und das Auto gehöre ihm.

Achso!

Super! Ich schleppte mein Gepäck zum Auto. Das kleine Auto beherbergte zwei weitere, junge Männer. Freunde vom Fahrer, der in Sibiu lebte und in Bukarest arbeitete. So machten wir uns zu fünft auf den vierstündigen Weg nach Bukarest – ohne Sicherheitsgurt, aber mit fetter Bassanlage. Ich war der Älteste im Wagen, und der Müdeste. Trotzdem genoss ich die Fahrt, mein Glück und die Aussicht auf Rumäniens Natur, die zuerst Gebirge mit Wäldern und Gewässer bot und sich schließlich zur endlosen, geraden Fläche wandelte.

Wir ließen die Freunde vom Fahrer in einer kleinen Stadt vor Bukarest raus, bevor ich zum Bahnhof Bukarests gefahren wurde. Ich war des Trampens müde und wollte so schnell es geht nach Slobozia, weshalb ich mich für eine Zugfahrt für wenige Euros entschied. Am Bahnhof half mir eine junge Frau beim Kauf der Zugtickets. Ich entschied mich für einen Zug für rund sieben Euro um 4:30 Uhr morgens, der gegen 9:00 Uhr in Slobozia ankommen würde. Bevor sie zu ihrem Zug musste, unterhielten wir uns noch ein wenig über ihren Fortbildungskurs irgendeiner Programmiersprache, für den sie jeden Tag nach Bukarest pendeln würde und über ihren Freund, für den sie ihren Exfreund verließ, und der hoffentlich bald einen Job finden würde, damit er nicht den ganzen Tag Cartoons schauen würde.

Ich genoss mein letztes Brot, den Käseaufschnitt und ein wenig Gemüse, welches ich noch von Carson bekommen hatte, bevor ich mich auf eine lange Nacht am Bahnhof vorbereitete.

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Kategorien: Vagabund mit Hund (SüdOstEuropaTrampen 2014) | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

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