Von schlechter Organisation, Wucher und Verwesung

DSC_6306 (Copy)Wie ihr an dem Foto erkennen könnt, habe ich es tatsächlich geschafft, Budapest nach drei, vier, oder vielleicht zwanzig Wochen zu verlassen. Ich hatte eine wirklich gute Zeit, angefangen mit der Zufallsbegegnung mit Csaba, der Woche mit Rebekka und Marcus bis hin zu dem Haufen Brasilianern. Doch wie entspannt mein Aufenthalt auch war, so anstrengend war mein Abgang, mein Heraustrampen aus Budapest zur rumänischen Grenze.

Ich wollte Budapest nicht verlassen, bevor ich ein Paket mit den von mir bisher ungenutzten Gegenständen zu meiner Mutter geschickt habe, denn mein Rucksack ist einfach zu schwer. Zweieinhalb Kilogramm könnte ich einsparen. Das ungarische Postamt ist aber sauteuer! 27 Euro wollen sie für den Versand des Paketes haben! Ich glaubte, ich spinne. Also suchte ich nach einer Alternative, und fand ein paar DHL-Service Points in Budapest. Doch selbst die naheste Filiale ist einen gehörigen Fußmarsch entfernt. Doch war mir die Aussicht auf einen günstigen Preis Motivation genug. Nach eineinhalb Stunden erreichte ich diese, und als mir der Kerl hinter dem Tresen den Preis für den Versand entgegenwarf, verlor ich komplett den Glauben an Ungarns Postsystem. Einhundert bekackte Euros. Ich fühlte mich verarscht. Aus Trotz kaufte ich mir zwei Bleistifte unterschiedlicher Stärke in einem kleinen Hobbyladen. Wenigstens etwas. Da haben sich die drei Stunden für Nichts ja gelohnt. Ich bin wütend, will aber das Paket loswerden. Also beiße ich in den sauren Apfel und bezahle die 27 Euro im Postamt, welches übrigens gleich um die Ecke gewesen wäre, und mache mich auf Tage der Enthaltsamkeit gefasst. Nach Budapest ohnehin keine schlechte Idee.

Ich bin mittlerweile in der Lage, gute Tipps zum günstigen Postversand anzunehmen. Also nichts wie in die Kommentare damit.

Ich hatte also drei Stunden verloren. Das ist bitter, wenn man den Tag mit Trampen verbringen möchte. Als ich zurück in Nathalles Wohnung kam, war ich immernoch alleine. Ich versuchte, alles ordentlich zu hinterlassen, meine Spuren verschwinden zu lassen, wischte noch den seit Tagen auf dem Balkontisch klebenden Biermixgetränkfleck ab, schulterte meinen Rucksack, vergewisserte mich ein letztes Mal, nichts vergessen zu haben und verließ die Wohnung. Macht’s gut, meine Lieben, und Danke für eure unglaubliche Gastfreundschaft… doch der Dank gilt nicht dir, du hochgewachsene Polin, die mich andauernd fragte, wann ich endlich weiterreisen würde. Doch auch du warst eine interessante Persönlichkeit, ein Zwiespalt aus Lebensmüdigkeit und durch Feigheit nie erlebter Träume. Bleib lebendig und lebe, du hochgewachsener, blonder, hübscher Riese.

Ich hatte einen weiten Weg vor mir, bevor ich den Punkt erreichen würde, den mir Hitchwiki zum Trampen gen Osten vorschlug. Ironischerweise genau die Richtung, die ich heute bereits unnötigerweise für ein Paket hinter mich brachte. Organisation ist alles.

Nach zwei Stunden inklusive einer zumindest für mich ersten Essensrast des heutigen Tages erreichten Spoon und ich die Stelle, die wunderbar mit dem Bus zu erreichen ist. Doch ich gehe lieber zu Fuß, schlängel mich durch Parks, Tunnel und über Brücken, nur mit einer groben Karte im Kopf und der Windrichtung fest im Sinn. Die Stelle ist sehr gut, und doch muss ich mit großem Rucksack und Hund eine Zeit lang warten.

Ich werde von einem Mann mitgenommen, der früher in der Gegend studierte und damals ebenfalls trampte. Er bot mir an, mich in seine Heimatstadt mitzunehmen, oder mich an einer Tanke an der Autobahn herauszulassen. Ich musste mich also entscheiden, ob ich es für heute sein lasse, was okay wäre, da es schon recht spät geworden ist, oder ob ich es darauf ankommen lasse, und mein Glück an einer Tanke versuche, an der ich notfalls übernachten müsste.

Ich entschloss mich für die letzte Möglichkeit. Durch meine Erfahrung am italienischen Autogrill ließ ich es dieses Mal nicht aus, die Personen direkt anzusprechen, noch bevor ich mich an die Straße zum Trampen stelle. Und so fand ich tatsächlich direkt Anschluss bis nach Debreceni, nur fünfzig Kilometer vor der rumänischen Grenze. Der Fahrer, der Spoon und mich mitnahm, importiert eigenhändig Auto aus Deutschland, Österreich und Umkreis, und hatte nun ein Auto in Budapest gekauft um es zu seinem Autohandel am Ostrand der Stadt zu bringen. Gut für mich, so könnte ich am nächsten Tag an gleicher Stelle weitertrampen. Obwohl der Mann, um die vierzig Jahre alt, nach der langen Fahrt zurück zu seiner Frau und seiner kleinen Tochter wollte, kam er nicht umhin, mich noch bis zur nächsten Tanke außerhalb der Stadt zu fahren.
Ein idealer Punkt zum Trampen, und, so der großzügige Mann, jeden Morgen voll von Rumänen, die zurück in ihre Heimat fahren.

Die Sonne ging bereits unter, sodass ich den jungen Tankwart fragte, ob ich hier mein Zelt aufschlagen dürfe. Ich könne es versuchen, doch die Wiese gehöre zum angrenzenden Gelände, welches für eine Art eingezäunten Parkplatz mit Frühstücksmöglichkeit für Fernfahrer und Wohnwagenbesitzer genutzt wurde. Ich kam gerade an, als der grobe, kahlköpfige Mann die Zufahrt absperrte. Er ließ mich gewähren, und nachdem ich unter ständigen Angriffen seltsam großer Insekten mein Zelt aufgeschlagen hatte und mein Abendbrot genoss, kam er wieder um mir einen Zettel in die Hand zu drücken. Darauf stand eine WiFi-Verbindung mit Passwort. Cool! Doch später im Zelt musste ich einsehen, dass das Wifi so sehr für’n Arsch war, dass ich mich direkt auf’s Einschlafen konzentrierte.

So leicht war das aber nicht, denn mein Zelt nahm den süßlichen Geruch des Todes an. Ich hatte doch tatsächlich vergessen, mein Zelt in Budapest zu reinigen und vor allem zu trocknen. So konnte eine Nacktschnecke in Gesellschaft einiger Ohrenkneifer und anderem Geschmeiß wochenlang in gemütlicher Feuchtigkeit eingequetscht verwesen. Den groben, übrig gebliebenen Schleim konnte ich noch mit Taschentüchern zwischen Innen- und Außenzelt abwischen, doch gegen die Flecken und vor allem den sanften aber penetranten Geruch konnte ich erstmal nichts tun.

Kategorien: Vagabund mit Hund (SüdOstEuropaTrampen 2014) | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

Beitragsnavigation

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

Erstelle eine kostenlose Website oder Blog – auf WordPress.com.

%d Bloggern gefällt das: