Fein geschmaust in Oradea

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Ich hab’s geschafft! Aber alles der Reihe nach. Um sechs Uhr packe ich mein Zelt zusammen. Recht spät, doch kam der Sonnenaufgang nicht gegen das Neonlicht der Tankstelle und des seltsamen Parkplatzes an. Ich schaute sogar um zwei Uhr nachts auf mein Handy, um mich zu vergewissern, ob es nicht bereits morgen sei.
Ich folgte dem jungen Tankwart, dem ich letzten Abend nach dem Zeltplatz fragte, ins nächste Dorf. Dort, an einer Bushaltestelle, platzierte ich mich mit dem Daumen in der angenehmen Morgensonne. Ich musste nicht lange warten, bis mich eine für meinen ungarischen Erfahrungsschatz eher ungewöhnliche, junge Frau mitnahm.

Southpark-Plüschtiere auf der Hutablage, große Sonnenbrille, tätowierte Hand und Finger und laute Rockmusik alá Radiohead und Starsailor machten die nächsten zwanzig Kilometer zu einer netten Erfahrung – Schokoriegel und Kaugummi inklusive. Sie konnte leider kein englisch, so redeten wir nicht soviel. Das ist bedauerlich, hätte ich doch gerne mehr über sie erfahren.

In einem der folgenden Dörfer wurde ich von zwei Grenzarbeitern mitgenommen, darunter ein Polizist. Zur direkten Grenzstation fuhren sie trotzdem nicht. Sechs Kilometer vor der rumänischen Grenze musste ich dann erstmal pissen, bevor mich Tomasz mitnahm. Das ging heute wie geschmiert, das Trampen, meine ich. Tomasz war ein Glücksgriff, da dieser bis nach Oradea fuhr, der ersten Stadt in Rumänien. Außerdem überquerte er die Grenze so oft, dass er auf rumänischer Seite nach kurzem Ausweischeck ohne Weiteres durchgewunken wurde. Beziehungen, meinte er. Ob er die wirklich brauchte?

Sei’s drum! Nach zwei Stunden erreichten wir den Westrand der Stadt, wo er mich hinausließ. Es war immernoch früh! Das war gut, denn so konnte ich im erstbesten Fast Food-Restaurant mit WiFi gemütlich einen Plan schmieden. Praktischerweise kreuzte ich nur nach etwa zweihundert Meter ein solches Etablissement, das neben trockener, labbriger Pizza auch eine Wechselstube anbietet. So konnte ich die Pizza und auch den angepriesenen „Gratiskaffee“ bezahlen und deren WiFi nutzen.

Da wir uns nun in Rumänien befinden, musste Spoon selbstverständlich draußen warten. Aber es lohnte sich, denn mein Plan, einen Platz zum Couchsurfen zu suchen, ging schon nach kurzer Zeit auf.

Dawid meldete sich auf meine Last Minute-Anfrage und bot mir sogar an, mich vor Ort mit seinem Auto abzuholen.

Auf die Frage, woher Dawid kommt, gab es eine sehr interessante Antwort. Ich hoffe, ich kann es richtig wiedergeben. Er sei in Italien geboren, in den USA aufgewachsen, ist mit ein paar Dollar in den Taschen vom brutalen Vater nach England geflohen, hat sich mit ein paar Jobs über Wasser gehalten, ist in der Krankenpflege gelandet und studiert nun Medizin in Rumänien, da es hier gratis sei, seit nunmehr vier Jahren von seinem Ehemann in Kanada getrennt. Er weiß wie es ist, nichts zu haben, und weiß was es heißt, für seine Ziele zu kämpfen. So hat er einerseits seine strikte Meinung über Schmarotzer und staatliche Unterstützung, aber auch kein Problem damit, Unsummen seiner Selbst für die Hilfe ambitionierter Individuen einzusetzen. Oder für Straßenhunde. So kümmert er sich momentan um Anastasia, den mittlerweile vierten Hund mit schrecklichem Schicksal alá „Katze im Sack“ oder „Ich töte einen Hund mit einem Stock, denke er ist tot, doch ist er eigentlich nur erblindet“ die er versucht, an Freunde, Familie und Bekannte zu vermitteln.
All seine Hunde haben russische Namen, so mag er diese Sprache doch sehr. Er spricht sie auch, so wie elf weitere Sprachen. Ein Hobby, so sagt er. Mittlerweile braucht er nur einen Monat, um eine neue Sprache zu lernen. Momentan lernt er norwegisch.

Ich mag ihn und fühle mich wohl. Es ist immernoch früh am Tage, und da seine Küche chaotisch sei und er nichts zum Kochen hat, lädt er mich kurzerhand zum Mittag in einem Restaurant ein. Danach zeigt er mir die Stadt, dabei umrunden wir die ummauerte Altstadt, in die wir momentan leider nicht dürfen, und erklimmen die Stufen des Rathauses, von dessen Turm man einen schönen Rundumblick über die Stadt genießen kann – stets beobachtet von einer penetrant dreinglupschenden Kamera.

Wir gehen nach Hause und ich versuche ein paar Fotos zu editieren, doch hält mich Dawid mit seinen Erzählungen, jüdischer Musik (die auch gerade beim Schreiben dieser Sätze läuft) und seinem Gesang von der Arbeit ab. Ich notiere mir gerne die Musik meiner Gastgeber, oder auch meiner Fahrer, wie zum Beispiel die Musik der tätowierten Ungarin aus dem letzten Post.
Zum Abend hin lädt er mich abermals in ein Restaurant ein. Ich nehme es an, auch wenn’s mir erstmal ein wenig schwer fällt.

Später, gegen Mitternacht, schaffe ich es doch noch, ein paar Fotos zu editieren. Dawid schläft schon fast, und Anastasia und Spoon rücken mir zur Leibe, versuchen gemeinsam meinen Schlafplatz zu erobern. Am Ende schläft Anastasia auf dem Boden und Spoon neben mir. Die alte Ordnung ist gewahrt!

Dawid kann mir nur für eine Nacht Obdach bieten, und die anderen, denen ich bei Couchsurfing geschrieben hatte, hatten nicht geantwortet. So bringt mich Dawid am nächsten Tag zum Rand der Stadt, wo ich weitertrampen konnte, bevor er zurück zum Zentrum, zur mies ausgerüsteten Universität für Medizin, fährt, da in den nächsten Tagen ein Examen auf ihn wartet.

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Kategorien: Vagabund mit Hund (SüdOstEuropaTrampen 2014), Vagabund mit Hund (StädteFotografie) | Schlagwörter: , , , , , , , , , , , , , , , , , | Hinterlasse einen Kommentar

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